Einführung
Die Empfehlungsliste Kinder- und Jugendliteratur (KJL) soll Lehrkräfte des Gymnasiums bei der Auswahl geeigneter Lektüren für die Unter- und Mittelstufe unterstützen. Das Angebot richtet sich sowohl an die einzelne Lehrkraft als auch an Fachschaften, die Texte für das Curriculum ihrer Schule zusammenstellen wollen.
Der Aufbau der Empfehlungsliste KJL entspricht dem der bereits etablierten Empfehlungsliste Sekundarstufe II (BF, LF und Orientierungsstufe). Der einleitende Abschnitt „Kurzinformation“ dient der Orientierung in Bezug auf den Inhalt und grundlegende didaktische Überlegungen zum Werk. In den folgenden Abschnitten werden der Inhalt sowie das literarische und didaktische Profil des jeweiligen Werks eingehender vorgestellt. Ergänzt werden die Vorschläge der Empfehlungsliste KJL durch einen Abschnitt mit Vorschlägen für die Umsetzung im Unterricht.
Die Liste umfasst sowohl spezifische als auch intentionale KJL; sie enthält demnach neben Texten, die ausdrücklich für Kinder und Jugendliche verfasst wurden, auch solche, die – vor allem im schulischen Kontext – für Kinder oder Jugendliche geeignet erscheinen. Die Werke wurden zum einen danach ausgewählt, dass sie den Schülerinnen und Schülern einen emotional-identifikatorischen Zugang bieten, der es ihnen ermöglicht, die dargestellte Welt in Bezug zur eigenen Lebenswelt zu setzen. Zum anderen fordern die Texte zur Distanznahme und zur bewussten Wahrnehmung von Alterität auf. Dies ist Voraussetzung für den kompetenten Umgang mit der Bedeutungsoffenheit und Mehrdeutigkeit literarischer Texte.
Auf inhaltlicher Ebene ist der Ausgangspunkt für die Erfahrung von Alterität das Individuum mit seiner Mehrfachzugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen – sei es das Alter oder die geschlechtliche Identität, sei es Sprache, Herkunft oder Religion betreffend. Auf formaler Ebene gilt es die Aufmerksamkeit zu schärfen für die sprachliche Gestaltung sowie für die Besonderheiten verschiedener literarischer Ausdrucksformen – seien es grundlegende Unterschiede zwischen epischen und dramatischen Texten, seien es Merkmale einzelner Genres.
Ein besonderes Anliegen der Empfehlungsliste ist es, auf das didaktische Potential dramatischer Ganzschriften aufmerksam zu machen. Für Kinder- und Jugendliche, die im digitalen Raum überwiegend audiovisuelle Texte rezipieren und dabei in die Rolle von Re-Agierenden gedrängt werden, bieten zeitgenössische Kinder- und Jugendstücke, die im Unterricht lesend und spielend erschlossen werden, in besonderer Weise die Möglichkeit, sich als Handelnde, Beobachtende und Analysierende zu erleben.
Dramatische Texte erfordern als Lesetexte – wie andere literarische Texte auch – die Vorstellungsbildung im Sinne einer mentalen Inszenierung. Im Unterschied zu erzählenden Texten ist im Drama die Grundlage dafür fast ausschließlich die Figurenrede: Handlung sowie Charaktere und Konstellationen der Figuren, letztlich also der „Sinn“ des Textes, müssen aus Dialogen und Monologen erschlossen werden. Kinder- und Jugendstücke bieten den didaktischen Vorteil, dass ihre vergleichsweise einfache sprachliche Oberfläche auch ungeübten Leserinnen und Lesern die Möglichkeit gibt, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten bei der Sinnkonstitution angemessen einzubringen.
Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Einsatz handlungs- und produktionsorientierter Verfahren. So ermöglichen szenisches Lesen oder Schreiben oder das Stellen von Standbildern den Lernenden, die Mehrdeutigkeit eines Textes offenzulegen oder das Verhältnis von verbaler und nonverbaler Kommunikation auszuloten. Auch das Erfassen und Benennen von Sprechhandlungen wird – über den literarischen Kontext hinaus – durch die szenische Umsetzung erleichtert.
Eine Empfehlungsliste fordert stets Zustimmung und Widerspruch heraus, sei es in Bezug auf einzelne Werke, sei es in Bezug auf das gesamte Projekt. Eingang in die Liste haben zum einen Werke gefunden, die seit Langem zum schulischen Kanon gehören und auch unter zeitgenössischen Bedingungen lesenswert erscheinen. Zum anderen enthält die Liste neue oder weniger bekannte Werke, deren Wert für den Literaturunterricht aufgezeigt werden soll. Dabei wurde der Anschluss an zeitgenössische Diskurse berücksichtigt – sowohl im Hinblick auf neuere Lesarten älterer Texte als auch auf Werke der Gegenwartsliteratur.
Die Debatte über das, was literarische Qualität ausmacht und was in der Schule gelesen werden sollte, auch in den Unterricht zu holen, ist ebenfalls ein Anliegen der Empfehlungsliste KJL. Bezugnehmend auf den Kompetenzbereich „Literarische Texte werten“ finden sich deshalb in einigen Beiträgen auch Hinweise auf kritische Stimmen zum Werk.
Eine themen- oder gattungsbezogene Recherche ist über die Schlagwortliste möglich.
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