Inhalt
Die Romanhandlung wird im Wesentlichen um vier Komplexe herum organisiert: den Fußball, die Ich-Entwicklung der Protagonistin, familiäre Konstellationen und schließlich eine fantastische Ebene, die die drei anderen Bereiche einschließt.
Fußball spielt im Leben von Jo, die gleichzeitig als autodiegetische Erzählerin fungiert, eine zentrale Rolle: Sie übt den Sport seit ihrer frühen Kindheit leidenschaftlich aus und ist darin weit überdurchschnittlich talentiert. Mit ihrer Mädchenmannschaft hat sie nicht nur viel Spaß. Die Spielerinnen sind auch sehr erfolgreich und stets nahezu unangefochtene Spitzenreiterinnen in ihrer Liga. Damit sind sie jedoch zugleich in sportlicher Hinsicht kaum gefordert. Es fehlt eine ernstzunehmende Konkurrenz, an der sie sich messen können. Jo fühlt sich in der Gemeinschaft der Mädchen sehr wohl, doch für ihren Vater stellt diese Konstellation ein Problem dar: Er möchte die optimale sportliche Förderung für seine talentierte Tochter sicherstellen und meldet sie deshalb bei einem reinen Jungenverein an. Damit folgt er zugleich der Empfehlung führender Fußballverbände. Nach einem erfolgreich absolvierten Probetraining wird Jo in der Jungenmannschaft von ‚Blau-Weiß‘ aufgenommen, als erstes Mädchen überhaupt. Bei den folgenden Trainingseinheiten lobt sie der Trainer einerseits für ihre fußballerischen Qualitäten und fördert damit ihre sportliche Entwicklung. Dennoch wird sie immer wieder von starken Selbstzweifeln im Hinblick auf ihre körperlichen Voraussetzungen und ihre fußballerischen Qualitäten geplagt. Diese werden dadurch verstärkt, dass ihr Vater sie fortwährend beim Spielen beobachtet und auch jenseits des Vereinstrainings fußballerische Einheiten mit ihr absolviert. Zunehmender Leistungsdruck und Versagensängste begleiten sie stets, auch aufgrund ihres Verhältnisses zu den männlichen Mitspielern im Verein. Von diesen wird sie von Anfang an gemieden und drangsaliert, allen voran von dem überehrgeizigen und respektlosen Niclas, aber auch von Ron, dessen Name und Erscheinung Jo an die gleichnamige Figur aus Harry Potter erinnert. Jo ist dabei nicht das einzige Opfer von Diskriminierung im Verein, vielmehr sind auf die soziale und ethnische Herkunft gerichtete Beleidigungen von Spielern an der Tagesordnung. Die Diskriminierungen, die Jo durch die Jungen erleiden muss, erfolgen ganz offensichtlich aufgrund von Jos Geschlecht und zielen auf eine grundsätzliche Abwertung ihres Status als weibliche Fußballspielerin ab. Hinzu kommt, dass auch die strukturellen Bedingungen eines Mädchens in einer reinen Jungenmannschaft zu einer Isolation der Protagonistin beitragen, wenn sie etwa für Ligaspiele keine Spielberechtigung hat und als einzige die Schiedsrichterkabine benutzen muss – was sie freilich zumindest vor den zunehmend auch körperlichen Angriffen der Jungen, vor allem durch Niclas, schützt. Letztlich führt das Mobbing, das Jo erfährt, zu einer aufgestauten Wut, die sich dergestalt entlädt, dass Jo Niclas körperlich attackiert, wenn auch die Heftigkeit ihres Angriffs durch unglückliche Umstände verursacht wird. Jos Strafe durch den Verein fällt dann auch vergleichsweise mild aus. Ihre Karriere setzt sie, trotz der weiterhin nicht einfachen Bedingungen, im Jungenverein fort, da ihr dies die beste sportliche Förderung zu bieten scheint. Dies zahlt sich letztlich aus: Jo gerät immer stärker in den Fokus der Talentförderung des Deutschen Fußballbunds, am Ende des Romans steht sie kurz vor ihrem ersten Juniorinnen-Länderspiel.
Jos fußballerische Entwicklung ist eng mit ihrer Identitätsentwicklung verknüpft. Sie muss sich behaupten und lernen, ihre Interessen in einem herausfordernden Umfeld zu vertreten, aber auch Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen. Zudem muss sie sich in ihrem familiären Umfeld durchsetzen – gegenüber ihren getrennt lebenden Eltern, bei denen sie mit ihrer um ein Jahr älteren Schwester Katrina abwechselnd lebt, insbesondere gegenüber ihrem Vater, der sie mit seinem Ehrgeiz einengt und dabei offensichtlich auch egoistische Interessen verfolgt. Auch das Verhältnis zu ihrer Schwester ist immer wieder angespannt, da Katrina sich zurückgesetzt fühlt, wenn die Aufmerksamkeit des Vaters fast ausschließlich Jo und ihrem Fußballtalent gilt. Jo lernt angesichts dieser Herausforderungen, ihren eigenen Weg auch angesichts von Widerständen zu verfolgen und zunehmend selbstsicherer zu werden, sich dabei von den Interessen ihres Vaters abzugrenzen, sich aber auch den Bedürfnissen anderer zu öffnen, wenn sie etwa am Ende der im Roman dargestellten Entwicklung eine Ballettaufführung ihrer Schwester besucht. Zudem muss sie erkennen, dass auch in der Welt des Fußballs nicht immer alles so ist, wie es zunächst scheint: So merkt sie nach und nach, dass Ron ein Geheimnis hütet (und am Ende offenbart): Er fühlt sich nämlich viel mehr zum Tanzen als zum Fußball hingezogen und lebt seine Leidenschaft schließlich gemeinsam mit Jos Schwester Katrina aus. Einen nicht unerheblichen Teil an Jos fußballerischer und persönlicher Entwicklung hat ein Nachbar ihres Vaters mit Namen Kubitschek. Dieser wird anfangs als eher feindselig beschrieben, etwa, wenn er sich über die Deutschlandfahne im Garten von Jos Vater beschwert. Zudem offenbart er ein eher ungewöhnliches Verhalten: In seinem Garten zeigt er sich mit einer Maske aus dem Amazonasgebiet und er hält Piranhas in einem Aquarium. Im Laufe der Romanhandlung entwickelt er sich jedoch zu einer Art Mentor für Jo. Er rät ihr, sich ein Team an sie unterstützenden Personen zuzulegen und er entpuppt sich als Fußballfachmann. Die Begegnungen Jos mit Kubitschek lassen die Romanhandlung dabei zusehend ins Fantastische kippen, wozu auch passt, dass er am Ende des Romans als ‚Fußballgott‘ bezeichnet wird. Bei einem Besuch Jos in seinem Haus stellt sich heraus, dass er sämtliche Fußballspiele der Welt auf einer Unzahl von Monitoren verfolgt, er verkehrt persönlich mit berühmten Fußballspielerinnen und Fußballspielern wie (der mittlerweile ehemaligen) deutschen Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán oder Jos großem Vorbild Cristiano Ronaldo und er gewährt Jo einen Blick in ihre eigene Zukunft: Auf einem der Monitore erkennt sie sich als zukünftige Nationalspielerin im Erwachsenenbereich. Das (offene) Ende des Romans deutet eine Entwicklung in diese Richtung zumindest an.
Textausgaben:
Marc Böhmann: »Der Himmel über dem Platz« im Unterricht. Lehrerhandreichung zum Ju-gendroman von Martina Wildner (Klassenstufe 6-7, mit Kopiervorlagen). Weinheim / Basel 2022 .
Wildner: „Der Himmel über dem Platz“: Herunterladen [docx][752 KB]