Inhalt
Die Schilderung der Geschehnisse erfolgt rückblickend aus der Sicht der mittlerweile erwachsenen Tochter und wird von zahlreichen Einschätzungen und Wertungen der Ich-Erzählerin flankiert. Der Text folgt einer Gliederung in drei Teile, die jeweils aus mehreren kurzen Kapiteln bestehen. Am Beginn des Romans steht zudem ein knapper Prolog, in dem die Ich-Erzählerin von dem für sie wenig erfüllenden Arbeitsalltag in einer Behörde berichtet. Ihre berufliche Situation markiert den vorläufigen Endpunkt einer erfolgreichen migrantischen Bildungsbiographie, der bei der Ich-Erzählerin zunächst Ratlosigkeit auslöst: „Ich weiß nicht, wie ich an diesen Punkt gekommen war. Ich hatte doch immer alles richtiggemacht. Ich hatte meinen Teil des Integrationsversprechens eingehalten. Ich hatte den Ausländer in mir erfolgreich wegintegriert.“ (13) Im Mittelpunkt des folgenden Hauptteils steht dementsprechend eine Spurensuche: Die Ich-Erzählerin rekonstruiert die Migrationsgeschichte ihrer Familie und ihre Rolle darin. Im Mittelpunkt der erzählten Handlung steht die Chronologie der Ereignisse von der Flucht aus Kroatien bis zur erfolgreichen Einbürgerung in Österreich, daneben gibt es episodenhafte Erzählungen von Familienurlauben in der früheren Heimat und Rückblenden in das vergangene Leben der Eltern.
Die Ankunft der Familie in Österreich ist von Ambivalenzen geprägt: Zwar kann die Familie der Ich-Erzählerin kostenfrei bei der Familie Hell in Wiener Neustadt, einer Kleinstadt vor den Toren Wiens, wohnen, dafür muss die Mutter jedoch den Haushalt führen und wird von Renate Hell, die sich immer wieder herablassend gegenüber den ‚Ausländern‘ verhält, fast rund um die Uhr eingespannt. Die Privatsphäre der Neubewohner wird auch dadurch entscheidend eingeschränkt, dass Frau Hell sich, vermittels eines Durchgangs zwischen den beiden Wohnungen, immer wieder unangekündigt Zutritt in den Schutzraum der Familie verschafft.
Die berufliche Situation der Eltern gestaltet sich schwierig: Beide verfügen über Hochschulabschlüsse, können aber in ihren angestammten Berufen zunächst nicht arbeiten. Die Mutter verrichtet direkt nach der Ankunft in Österreich ausschließlich unbezahlte Care-Arbeit, während der Vater sich zuhause um Kinder und Haushalt kümmert. Während ihrem Mann die Arbeitserlaubnis aufgrund einer staatlichen Quotenregelung verweigert wird, gelingt es der Frau schließlich, ihren Studienabschluss in Österreich durch Zusatzqualifikationen anerkennen zu lassen und in ihrem ursprünglichen Beruf als Pharmazeutin zu arbeiten. Der Preis dafür ist jedoch, dass der Vater sich sozial immer mehr isoliert und kaum ein Leben außerhalb der eigenen vier Wände führt, und die Mutter erhebliche Mehrarbeit leisten muss (indem sie neben Deutschlernen und Studium auch zunehmend den Haushalt organisiert) und unter chronischer Erschöpfung leidet. Die Tochter wiederum bemüht sich intensiv darum, die perfekte Migrantin‘ zu sein: Sie lernt die Sprache und kämpft, vor allem durch herausragende Leistungen in der Schule und beim Leistungssport (Schwimmen), um Anerkennung und Teilhabe an der österreichischen Gesellschaft zu erlangen. Dies gelingt ihr auch zunehmend, dennoch muss sie auch immer wieder Erfahrungen der Ausgrenzung machen, wenn etwa ihre Schulergebnisse weniger anerkannt werden als die gleich guten Leistungen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Trotz durchgehend sehr guter Noten bekommt sie zunächst eine Hauptschulempfehlung und wird von einigen Lehrerinnen und Lehrern aufgrund ihrer Herkunft wiederholt diskriminiert. Allein ihrer engagierten Mutter hat es die Ich-Erzählerin zu verdanken, dass sie doch auf ein Gymnasium wechseln und schließlich studieren kann. Der Vater wird für die Tochter über einen langen Zeitraum zu einer engen Bezugs- und Vertrauensperson, gerade dadurch, dass er sich täglich um Haushalt und Kindererziehung kümmert. Im Verlauf des Romans wird jedoch eine zunehmende Entfremdung zwischen Vater und Tochter erkennbar, bis hin zur offen ausgetragenen Feindseligkeit der Tochter. Diese Entwicklung hängt mit einer ungewöhnlichen Beziehungskonstellation zusammen, die wiederum auf die gesellschaftlichen Folgen der Migration zurückzuführen ist. Während der Vater, in den Worten der Tochter, zunächst ein freundschaftlicher und (trotz seiner teils derben, in seiner Herkunftssprache geäußerten, Redewendungen) liebevoller Begleiter und Spielgefährte ist, mit dem sie gemeinsam ihre (wenn auch zunächst recht begrenzte) Welt entdeckt und mit dem sie viele Aspekte des täglichen Zusammenlebens teilt, findet in der Folge eine Rollenumkehr statt. Immer stärker ist der Vater nämlich auf die Tochter angewiesen: Sie ist es, von der er lernt und die ihm (trotz seiner zunehmenden sozialen Isolation) eine zumindest begrenzte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Dies ist wesentlich dadurch bedingt, dass sich die Tochter, anders als ihr Vater, immer besser in die österreichische Gesellschaft integriert, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie (anders als er, der kaum Deutsch spricht) die deutsche Sprache beherrscht und sie für ihn übersetzen muss. Die Tochter ist mit damit nachvollziehbarerweise überfordert, was sich bei ihr in Scham und Verachtung gegenüber ihrem Vater äußert.
Insgesamt stößt die Familie also auf zahlreiche Hindernisse bei ihren Versuchen, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren: bürokratische, sprachliche, kulturelle. Durch großen Einsatz aller Familienmitglieder wird am Ende das gemeinsame Ziel – die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft – erreicht. Allerdings haben dabei alle Beteiligten auch hohe Kosten zu tragen, wie die Erzählerin am Ende des Romans resümiert: „Was hat uns Österreich gekostet? Meinen Vater seine Stimme, meine Mutter ihre Lebendigkeit. Und mich? Meinen Vater.“ (202) Was das im Einzelnen bedeutet, bleibt offen.
Textausgaben:
Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2024 [Hardcover].
Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind. München: btb Verlag, 2025 [Taschenbuch].
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