Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Der Roman schreibt sich in das Genre der postmigrantischen Literatur ein. Darunter werden literarische Werke der zweiten oder dritten Generation von Migrantinnen und Migranten verstanden, die nicht mehr primär die Migration selbst, sondern die Folgen der Migration, wie gesellschaftliche Vielfalt, Hybridität und Zugehörigkeit, aber auch Erfahrungen des gesellschaftlichen Ausschlusses und der Diskriminierung in der postmigrantischen Gesellschaft thematisieren. Gleichzeitig zeigen Texte dieses Genres häufig Merkmale autofiktionaler Literatur. Dieser Begriff wird in der Rezeption des Romans wiederholt verwendet, um zu verdeutlichen, dass es sich bei dem Text nicht um eine Biographie handelt, sondern einen fiktionalen Text, der autobiographisches Material mit fiktiven Elementen kombiniert, wie auch die Autorin betont (vgl. z.B. Dull 2024).
Diese heißt mit bürgerlichem Namen Irina (ihren Nachnamen möchte sie nicht preisgeben) und arbeitete als Juristin, bevor sie sich zunehmend ihrer künstlerischen Arbeit widmete. Das Pseudonym ‚Toxische Pommes‘ hat sie eigenen Aussagen zufolge gewählt, weil sie eine Vorliebe für Pommes Frites hat und zu dem Zeitpunkt, als sie ihre künstlerische Karriere begann, gerade eine toxische Beziehung hinter sich hatte. Zudem führt sie aus, dass sie damals beruflich eine Auszeit genommen hatte und gerade in einer persönlichen Krise war. Zu diesem Zeitpunkt begann sie, unter ihrem Pseudonym satirische Kurzvideos zu produzieren und auf den Social Media-Plattformen Instagram und Tiktok zu veröffentlichen.(vgl. z.B. Interview im ‚Kurier‘ v. 21.06.2021). Diese befassen sich mit ähnlichen Themen wie ihr Debütroman „Ein schönes Ausländerkind“. Zudem hat sie zwei Kabarettprogramme entwickelt, mit denen sie in Österreich und Deutschland auftritt. Diese weisen ebenfalls thematische Parallelen zu ihrem Roman auf.
Im thematischen Zentrum des Romans steht die Frage nach dem Gelingen und Misslingen der gesellschaftlichen Integration von Migrantinnen und Migranten in eine Gesellschaft. Dabei verdeutlichen die Erfahrungen und Reflexionen der Ich-Erzählerin, dass eine Reihe von individuellen Verhaltensweisen sowie sozialen und institutionellen Normen Integrationsbemühungen befördern oder verhindern können. Dazu zählen in Einzelfällen gut gemeinte, in ihrer Wirkung jedoch klar abwertende Äußerungen wie die titelgebende Bezeichnung der Ich-Erzählerin als „schönes Ausländerkind“. Mit solchen und anderen Zuschreibungen hängt auch eine Kategorisierung und Bewertung von ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Ausländern zusammen, die sich anhand der Parameter Hautfarbe und Religionszugehörigkeit bemisst, weshalb die weiße und katholische Familie aus dieser Perspektive im Vergleich zu anderen Migrantengruppen noch vergleichsweise positiv angesehen wird (vgl. 57). Diese Zuschreibungen durch Mitglieder der österreichischen Aufnahmegesellschaft tragen zudem zu einer Verinnerlichung bei den Bezeichneten und in der Folge zur Herausbildung spezifischer Verhaltensweisen und Identitätsmuster bei. In diesem Sinne werden die Familienmitglieder im Roman erst durch solche Zuschreibungen ‚zu Ausländern gemacht‘, wie es die Ich-Erzählerin immer wieder analysiert. Anschaulich wird beschrieben, wie sich solche Erfahrungen sogar in die Körper der Betroffenen einschreiben, wie anhand des Vaters und seiner Haltung, Gangart und Stimme verdeutlicht wird (vgl. 54).
Ein weiterer thematischer Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit der Herkunftsgesellschaft und -kultur der beschriebenen Familie. Dabei spielen auch der ‚Vielvölkerstaat‘ des zerfallenen Jugoslawiens eine Rolle, der nur in der Reiseroute der Familie während ihrer Urlaube noch eine Einigung erfährt, da sie fast alle Nachfolgestaaten bereisen. Innerhalb der erweiterten Familienkonstellation spielt sich diese nationale Vielfalt ebenso eine Rolle: Die Eltern der Ich-Erzählerin stammen aus Serbien-Montenegro, wohnten mit ihrer kleinen Tochter aber vor der Flucht in Kroatien. Auch nach Bosnien und in den Kosovo gibt es, etwa über die Großeltern, familiäre Verbindungen. Diese Vielfalt spiegelt sich auch sprachlich wider: Wiederholt verweist die Erzählerin auf das Sprachenkonglomerat B/K/M/S (Bosnisch / Kroatisch / Montenegrinisch / Serbisch) und webt in ihren Roman viele kurze, meist aus einem Satz bestehende Textteile ein, die sie anschließend direkt ins Deutsche übersetzt. In den Fußnoten werden zudem gesellschaftliche kulturelle Hintergründe bezüglich der Herkunftsländer erläutert. Die sprachliche und kulturelle Vielfalt Ex-Jugoslawiens und der Kontakt mit der Zielsprache und -kultur des Deutschen / Österreichischen sind zentrale Aspekte der Identitätsentwicklung der Ich-Erzählerin, die mehrsprachig aufwächst. Während dieser Umstand auch eine Chance darstellen könnte, wird er im Kontext von Familie, Bildung und Gesellschaft jedoch vielfach zum Hindernis.
Die Protagonistin und ihre Familie sind verschiedenen Diskriminierungsformen ausgesetzt. Neben der Ausgrenzung aufgrund ihrer ‚ausländischen‘ Herkunft hat die Familie, die in Österreich ein Leben jenseits ihres ursprünglich akademisch-bürgerlichen Habitus führen muss, auch mit klassistischen Vorurteilen zu kämpfen. Die Tochter wird in der Schule – aufgrund ihrer (scheinbaren) Klassenzugehörigkeit und Migrationserfahrung benachteiligt. Gender-Aspekte spielen zudem eine zentrale Rolle, da die Figuren in patri-archale Strukturen und geschlechtsspezifische Erwartungen eingebunden ist. Die traditionellen Rollen der Geschlechter sind bei den Eltern vertauscht, wenn der Vater, vor allen nach dem Auszug bei den Hells, den Haushalt führt, und die Mutter erwerbstätig ist. Auch die Tochter ist von Geschlechterzuschreibungen betroffen: Der Vater spricht sie mit ‚sine‘ (wörtliche Übersetzung: Sohn) an, was zwar in der Herkunftssprache der Protagonistin eine übliche Bezeichnung für Kinder jedweden Geschlechts ist. Gleichwohl fragt sie sich, ob ihr Vater statt einer Tochter lieber einen Sohn gehabt hätte, eine Vermutung, die der Vater durch seine Antwort auf diese Frage zu bestätigen scheint (vgl. 40). Tatsächlich behandelt der Vater die Erzählerin mit seinem oft rauhen Erziehungsstil und seinen derben Sprüchen zumindest aus traditioneller Perspektive wie einen Jungen. Damit sind die Zuschreibungen und Diskriminierungen, die die Ich-Erzählerin erfährt, auch aus einer intersektionalen Perspektive lesbar. Die Erfahrungen der Protagonistin sind geprägt von Migration, sozialer Klasse und Geschlecht. Die Verknüpfung dieser Dimensionen macht deutlich, wie Mehrfachdiskriminierung im Alltag wirkt und wie sie individuelle Lebensentwürfe beeinflusst.
Die Räume im Roman sind nicht nur physische Schauplätze, sondern auch Orte der Identifikation und Selbstverortung. Die Innenräume der Familienwohnung bieten Schutz, gleichzeitig aber auch Beschränkung, während Außenräume Begegnungen mit gesellschaftlichen Normen und Konflikten ermöglichen. Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen den männlichen und weiblichen Familienmitgliedern. Nur Mutter und Tochter bewegen sich souverän im öffentlichen Raum, dem Vater bleibt letztlich aufgrund sprachlicher Hürden und damit mangelnder Integration nur der Rückzug in die Privaträume. Dies gilt allerdings nur für Österreich; bei den Heimaturlauben auf dem Balkan bewegt sich der Vater sprachlich und sozial gut integriert auch im öffentlichen Raum. Dies zeigt, dass Sprache, Zugehörigkeit und Räume in einem engen Wechselverhältnis stehen.
An vielen Stellen des Romans zeigen sich die humoristischen und satirischen Elemente des Textes. Durch Übertreibungen (Hyperbeln) werden Alltagssituationen der Protagonistin grotesk dargestellt, wodurch gesellschaftliche Widersprüche verdeutlicht werden. Oxymora und Antithesen werden gezielt eingesetzt, um Spannungen zwischen unterschiedlichen Rollenbildern und Erwartungen sichtbar zu machen. Die Verwendung von Antanaklasis, also der wiederholten Nutzung eines Wortes in unterschiedlichen Bedeutungen, verstärkt die ironische Wirkung, während Antiklimax-Passagen humorvoll Erwartungen unterlaufen und die Lächerlichkeit bestimmter gesellschaftlicher Normen karikieren. Auf diese Weise wird eine satirische Kritik an Rassismus, Klassendiskriminierung und genderspezifischen Erwartungen vermittelt, ohne dass die narrative Leichtigkeit verloren geht.
Die Autorin nutzt zudem sprechende Namen und Namenlosigkeit als literarische Strategien. Die Figuren sind teilweise namenlos (vor allem die Familienmitglieder) oder tragen symbolische Namen wie derjenige der Familie „Hell“, was einerseits die universelle Identifikation mit den Figuren erleichtert, andererseits metaphorische Deutungen zulässt. Die Namensgebung reflektiert gesellschaftliche Zuschreibungen und Machtverhältnisse, wodurch die individuelle Identität der Figuren mit kollektiven Erfahrungen verknüpft wird.
Innerhalb der literaturkritischen Rezeption wird der Roman fast überwiegend positiv besprochen, vereinzelt finden sich kritische Stimmen, die Parallelen zu den satirischen Kurzvideos der Autorin ziehen nd dem Roman zwar komisches Potential, aber eine zu wenig vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik unterstellen. Daneben finden sich interessante Beiträge nichtprofessioneller Leserinnen und Leser, insbesondere im Bereich von Lesegemeinschaften im Internet. Dieser Bereich nimmt mittlerweile einen großen Raum in der öffentlichen Literaturrezeption ein und ist gerade im Hinblick auf eine Autorin interessant, die selbst Internetplattformen als Publikationsorte nutzt. In diesem Bereich, zum Beispiel in Buchaccounts auf Instagram, findet in vielen Fällen eine stark identifikatorische Lesart mit dem Roman ihren Ausdruck.
Textausgaben:
Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2024 [Hardcover].
Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind. München: btb Verlag, 2025 [Taschenbuch].
Toxische Pommes: „Ausländerkind“: Herunterladen [docx][220 KB]
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