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Vorschläge für die Umsetzung

Vor dem eigentlichen Lesen kann über den Covertext auf der Rückseite des Romans (Luchs des Jahres) die Vorerwartung der Schülerinnen und Schüler geweckt werden. Die Schülerinnen und Schüler können z.B. eine eigene Handlung skizzieren, die sie im Folgenden erwarten. Dadurch kann zum einen die Lesemotivation erhöht werden, zum anderen die eigene literarische Arbeit vorbereitet werden, die im Verlauf des Romans (zum Beispiel über das analytisch-imitative Schreiben) wieder aufgegriffen werden kann.

Für einen motivierenden Leseeinstieg kann auch ein gemeinsamer Lesestart hilfreich sein. Dieser kann unterschiedlich gestaltet sein.

So ist es zum Beispiel denkbar, dass die Lehrkraft vorliest, es können zwei Vorleser (weiblich und männlich) ausgewählt werden, auch Tandemleseverfahren sind denkbar. Es ist auch möglich, mit dem Hörbuch zum Roman einzusteigen und/oder hier mit Simultanleseverfahren anzusetzen. Wichtig ist, dass für den Lektürebeginn und dessen Wahrnehmung Raum gelassen wird und die erste Leseerfahrung auch im anschließenden Gespräch Wirkung zeigen darf.

Zunächst ist es sinnvoll, sich den beiden Protagonisten zuzuwenden. Hier kann gewinnbringend mit den Begrifflichkeiten aus der modernen Erzähltheorie gearbeitet werden, wie von Nicola Masanek in Praxis Deutsch 313 (2025) ausgeführt. In „Tanz der Tiefseequalle“ erzählen uns zwei homodiegetische Erzähler aus ihrer internen Fokalisierung heraus ihre Geschichte. Dies bedeutet, dass wir zum einen sehr tief in die Figuren hineinblicken können und zum anderen, dass wir Situationen aus zwei Sichten heraus eingeordnet bekommen. So treffen zum Beispiel beide Figuren bereits am Anfang des Romans Aussagen über den anderen und sich selbst: Bereits auf S. 5 wird Seras Sicht auf Niko deutlich, Nikos eigene Sicht auf sich selbst wird auf S. 12f. verbalisiert. Sera gibt auf S. 15 einen Einblick in ihr Inneres, die Außensicht Nikos kann man kontrastierend auf den S. 18f. lesen.

Im Verlauf der Geschichte werden die tieferen Schichten Seras und Nikos enthüllt, die sie im ersten Moment auf unterschiedliche Art zu verbergen versuchen. Hier kann eine fundierte analytisch basierte Charakterisierung ansetzen, die letztlich auch als Grundlage für eine Klassenarbeit dienen kann. Wertvoll ist auch die Tatsache, dass für beide Figuren eine doppelte Perspektive vorliegt. Hier kann im weiteren Unterrichtsverlauf auch die Frage nach Selbst- und Fremdbild diskutiert werden.

Für die Figuren und ihre Beziehung kennzeichnend ist auch die Sprachgestaltung. Bevor diese untersucht werden kann, sollte aber die Beziehung zwischen Sera und Niko thematisiert werden. Eine Möglichkeit, die sich ändernde Beziehung zu verdeutlichen, ist auf der Oberfläche das Stellen von Standbildern (vgl. dazu Katharina Kaiser 2023, 110f.). An dieser Stelle kann auch der Bezug zu den Märchen „Dornröschen“ und „Die Schöne und das Biest“ angesetzt werden. Denn hier zeigen sich die Rollen, Erwartungen und Brechungen der Figuren deutlich.

Auch auf sprachlicher Ebene lässt sich die Annäherung der beiden Protagonisten zeigen. Zunächst sieht man die Gegensätze: Sera spricht in kurzen, elliptischen Sätzen. In dieser Art zu reden spiegelt sich ihre Eigenschaft des Verschweigens ihres inneren Ichs vor den anderen. Sera selbst nennt ihre Art zu reden „wortkarg“ (S. 28) und führt weiter aus; „Ist ja Absicht und kein Unfall, dass ich so wenig Worte mache“ (ebd.). Das fühlt auch Niko, der über ihre Art zu reden sagt: „[…] [W]ie sie spricht, in diesen übertrieben knappen Sätzen, die klingen, wie mit einem extrascharfen Schneidemesser zerhackt“ (S 67). Niko hingegen verwendet einen differenzierten Satzbau und führt mit eloquentem Wortschatz die Unterhaltungen. Sera vergleicht seine Art zu sprechen mit einem Gedicht (S. 70 – auch ein Sprachbild, das man aufgreifen kann, um Seras Ansichten über Niko zu untersuchen). Bei Niko lässt sich eine Parallelität zu seinem Körper ziehen, denn Körper und Sprache können andere durch ihre Fülle fernhalten. Ein Beispiel für seine Art zu reden findet sich unter anderem in seiner Selbstreflexion auf S. 13. Bezeichnenderweise schaffen es Sera und Niko über diese (sprachlichen) Hürden hinaus, eine Verbindung zueinander aufzubauen. Dies gelingt unter anderem sprachlich deswegen, weil die beiden eine gelingende Kommunikation miteinander führen. Ein Beispiel dafür ist der Dialog, nachdem Niko mit der Schaukel auf den Boden gefallen ist (S. 80-82).

Nicht nur an der gelingenden Kommunikation zeigt sich an dieser Stelle des Romans die sich anbahnende (Liebes-)Beziehung der beiden Protagonisten. Sera beginnt hier bereits, auch sprachlich auf Niko einzugehen, wenn sie eine „Entkörperungsmaschine“ (S. 82) erfindet.

Die Annäherung der beiden wird dann ebenfalls wieder auf der Ebene der Narratologie gespiegelt. So wird das letzte Kapitel wechselseitig von Sera und Niko erzählt. Hier ist dann auch die Möglichkeit, das offene Ende zu diskutieren. Denn obwohl auf der inhaltlichen Ebene der Beziehungsstatus der beiden nicht deutlich fassbar wird, deutet die Erzählverknüpfung die Möglichkeit einer nun feststehenden ersten Liebe an.

Ein bedenkenswerter Faktor beim Aspekt der Beziehung ist, dass Sera durch Niko eine Art Selbstermächtigung erlebt. Im Gegensatz zu Marko, der sie bedrängt und ihr seine Bedürfnisse aufzwingt, darf oder muss Sera in der Beziehung zu Niko ihre Gefühle und Wünsche zunächst finden und sie dann auch aktiv bei Niko platzieren. Trotz einer gewissen Art von Dilemma kann hier durchaus auch ein modernes Mädchen-/Frauenbild erkannt und (evtl. im Vergleich der beiden Beziehungen) auch diskutiert werden.

Die Sprache an sich ist es wert, dass man sie vertieft nutzt. Zum einen können unterschiedliche Begrifflichkeiten praktisch eingeführt werden. So kann zum Beispiel der Metaphernbegriff über den Titel oder andere metaphorische Wendungen (zum Beispiel die Bilder für das Verliebtsein auf S. 27) erklärt werden. Und auch der Symbolbegriff kann anhand des weggeworfenen Kaugummis (S. 114-117) verständlich gemacht werden. Eine ausführliche Idee zur Sprachgestaltung findet sich auch bei Katharina Kaiser (2023) in Bezug auf die Ereignisse auf der Wiese. Das Bild des Kreisels (S. 74) und seine Ausdeutung kann hier auch Ausgangspunkt einer ersten literarischen Schreibaufgabe werden, denn die Gedanken Nikos zu seinem Verhalten werden im Roman selbst nicht verbalisiert.

Zum anderen kann sich nach einer analytischen und erzähltechnischen Einbettung der sprachlichen Gestaltung, gemäß des Ansatzes Writing to Read, das Verfahren des literarischen Schreibens grundsätzlich und vertieft anschließen. Dadurch wird nicht nur ein anderer Verstehenszugang zum literarischen Produkt, sondern die Wahrnehmung literarischer Ästhetizität grundsätzlich möglich. Eine Aufgabenstellung in diesem Sinne könnte lauten: Schreibe eine eigene Geschichte, in der ein … [Hier können Begriffe wie Fluchtbeamer, Erinnerungslöschblatt usw. eingesetzt werden] vorkommt. Wichtig scheinen in dieser Phase die Anschlusskommunikation bzw. das Vorstellen und Präsentieren eigener (literarischer) Produkte. Dies stärkt Schülerinnen und Schüler auf unterschiedlichen Ebenen, ganz besonders wertvoll ist die Wertschätzung der eigenen (schriftlichen) Produktion, weit weg von Korrektur und Notengebung.

Basierend auf diesen Überlegungen kann das literarische Schreiben auch für die Erschließung der Nebenfiguren genutzt werden. Ihre Geschichte wird nicht ausgeführt. Eine Szene aus der Sicht Osmans oder Littles zu schreiben, kann daher diesen Figuren eine weitere Ebene verleihen. Hierzu bietet sich die Methode des analytisch-imitativen Schreibens als gestaltender Zugang an: Nachdem z.B. die sprachliche und narratologische Gestaltung in Bezug auf Sera und Niko geklärt ist, kann dies (evtl. auch zusammen mit einer kurzen Charakterisierung) auf die Nebenfiguren (Leni, Little, Osman, Oma) übertragen werden. Auch dieses Verfahren führt zu einem über das eigene Schreiben kommende vertieften literarischen Verständnis. Ob hier auch die Figur Marko ihren Platz finden soll, bleibt eine individuelle Entscheidung. Blickt man auf die inhaltliche, narratologische und sprachliche Gestaltung Höflers, fällt indes auf, dass sie dieser Figur sehr wenig Raum gegeben hat. Darüber hinaus stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Figuren beim Thema Mobbing ins Zentrum gestellt werden. In der vorliegenden Konstellation scheint eine Konzentration auf Niko, Sera, und Lenni bzw. Melinda didaktisch und inhaltlich wertvoll.

Little bietet dann auch einen Gegensatz zu Melinda, Seras „bester Freundin“, die sich im Verlauf der Geschichte gegen sie stellt. Ein Vergleich dieser beiden Nebenfiguren kann zum Thema Freundschaft wesentliche Erkenntnisse bringen. Und spätestens hier ist der Anknüpfungspunkt für das Thema Mobbing gegeben. Dieses kann zunächst im Roman selbst untersucht werden und dann durch die Beschäftigung mit Sachtexten in der Realität verankert werden (durch Sachtexte, durch eine Kurzgeschichte wie „Ein netter Kerl“ von Gabriele Wohmann und sich anschließender gemeinsamer Diskussionen).

Auch kann im Zusammenhang mit der Sprache der Mobber das Thema Macht der Sprache/Mobbing angesprochen werden. Ein weiterer thematischer Exkurs, der sich an die Figur Niko anschließt, ist Body-Shaming.

An mehreren Stellen der Unterrichtseinheit bietet es sich an, nicht nur im Hinblick auf das Abiturformat Literarische Erörterung, sondern auch aufgrund der Möglichkeitserweiterung für die Interpretation, Formen des literarischen Erörterns miteinzubringen.

Die Methode der Talking Points kann beim Erarbeiten der Figuren und ihrer Beziehung genutzt werden, um Schülerinnen und Schüler über diese ins Gespräch zu bringen. Für diese Methode müssen unterschiedliche Aussagen formuliert werden, zu denen die Diskutierenden dann Stellung nehmen müssen. Diese Aussagen können richtig, falsch, provozierend oder kontrovers sein.

So könnten zum Beispiel beim Thema Freundschaft folgende Talking Points gesetzt werden:

  • Melinda ist keine echte Freundin Seras
  • Nach dem Schulfest werden sich Sera und Melinda wieder versöhnen
  • Little ist ein wahrer Freund
  • Ohne Little wären Sera und Niko nicht zusammengekommen
  • Osman ist nicht wichtig für Niko

Am Ende der Einheit kann auch eine schriftliche Stellungnahme als Übung für die spätere Literarische Erörterung in der Oberstufe durchgeführt werden.

Mögliche Aufgabenformate:

  • Stellungnahme (Position vorgegeben) als Leserbrief an Stefanie Höfler:

    „[…] Aber für mich ist es auch ein Sera-Buch. […] [S]ie ist nicht nur die Figur, die sich für Jungs mit schönen Körpermaßen interessiert, sondern sie macht sich Ge-danken, nimmt Dinge wahr, macht kleine Beobachtungen, aber das lebt sie nicht aus. Und es ist auch ein Buch über Seras Körper.“ (Stefanie Höfler 2025 im Deutschlandfunk)

    Aufgabenstellung:

    Inwiefern ist „Der Tanz der Tiefseequalle“ ein Sera-Buch?

    • Finde für die folgende Aussagen Höflers Beispiele aus dem Roman:

      „Sera macht sich Gedanken“

      „[Sera] nimmt Dinge wahr“

    • Überlege Dir selbst Argumente, die dafürsprechen, dass der Roman auch ein Sera-Buch ist und finde Stützungen (Beispiele) aus dem Text für Deine Argumente.
    • Schreibe einen Brief an Stefanie Höfler, in dem Du auf ihre Aussage, der Roman sei auch ein Sera-Buch, eingehst. Bringe alle Deine Vorbereitungen mit ein.
  • Eine literarische Erörterung verfassen:

    Bei einer literarischen Erörterung geht es darum, eine Aussage über ein literarisches Werk zu prüfen, indem man mit Beispielen aus dem Werk arbeitet und den Aussagen zustimmt oder sie ablehnt.

    Aufgabenstellung:

    Katrin Hörnlein sagt 2017 in DIE ZEIT über den Roman „Der Tanz der Tiefseequalle“ Folgendes:

    • Nimm Dir eine Aussage (wenn Du magst auch zwei oder drei) und finde Argumente, die für die Aussage sprechen und die gegen die Aussage sprechen (oder sie eingrenzen).
    • Stütze Deine Argumente mit Situationen aus dem Roman.
    • Schreibe einen Antwortbrief an Frau Hörnlein, in dem Du Dich auf die von Dir gewählte(n) Aussage(n) beziehst.

    Ein Beispiel für Dich zum Üben: [Diese Beispielaufgabe kann auch im Sinne der Modellierung durch die Lehrkraft als kompetente Fachkraft zunächst vorgemacht werden]

    „Es geht um Liebe“:

    Das trifft zu, weil es am Anfang so scheint, als ob Sera und Marko zusammenkommen. Schon zu Beginn des Romans fragt sich Sera, ob sie einen Freund haben will und stellt dann gleichzeitig fest, dass sie Marko schon gut findet. Auf dem Hinweg zur Klassenfahrt lässt sie Marko Musikhören und lehnt sich an Markos Schulter. Und sie verwendet hier auch sprachliche Bilder, die auf Liebe hindeuten. So spricht sie von Schmetterlingen im Bauch.

    Aber gleichzeitig stimmt die Aussage auch nicht. Denn es geht nicht nur um Liebe. Die Beziehung zwischen Sera und Marko entwickelt sich in eine andere Richtung. Als die Klasse im Klettergarten ist, kommt Marko auf Sera zu und bedrängt sie. Er fragt gar nicht nach ihren Gefühlen und nach dem, was sie will. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Und auch die folgenden Handlungen sind eher sexuelle Übergriffe. Er fasst ihr unter die Hose und drückt sie, gegen ihren Willen, an sich.

Textausgabe:

Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle, Weinheim 2018.

Höfler: „Tiefseequalle“: Herunterladen [docx][2 MB]