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Inhalt

Der Roman spielt im Jahr 1999 und beginnt mit einem Kapitel aus der Perspektive des 59-jährigen Familienvaters Hüseyin, der eine Wohnung in Istanbul gekauft und eingerichtet hat. Damit will er sich selbst und seine Familie für knapp dreißig entbehrungsreiche Arbeitsjahre in Deutschland belohnen. Die Du-Form der Erzählung lässt sich deuten als Selbstbefragung Hüseyns im Rückblick auf sein Leben oder aber als Anrede durch einen „Dschinn“, der die Vorlieben, Wünsche und Motive, aber auch die Zweifel, das Getriebensein und die Lebenslügen Hüseyns zutage treten lässt.

Das zweite Kapitel wird personal in Er-Form aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Ümit erzählt, der als jüngster Sohn der Familie nur wenig über die Familiengeschichte weiß. Ümit belastet nicht nur der plötzliche Tod seines Vaters und der emotionale Ausnahmezustand, in den seine Mutter dadurch geraten ist, sondern auch sein gescheitertes Coming-Out gegenüber seinem Freund Jonas, das zu seiner Bloßstellung und einer vom Fußballtrainer verordneten Therapie geführt hat, die ihn „heilen“ soll. In mehreren Gesprächen nähern sich er und seine ältere Schwester Peri (vgl. Kapitel 4) einander an.

Im dritten Kapitel wird, ebenfalls in personaler Erzählweise, aus der Perspektive von Sevda erzählt, der ältesten, etwas über 30-jährigen Tochter Hüseyins. Ihr Leben ist geprägt von traumatischen Erfahrungen: Aus Erzählungen der Familie und aufgrund der nicht zutreffenden Angaben in ihrem Pass weiß sie, dass sie ein Jahr nach der erstgeborenen Tochter gleichen Namens auf die Welt kam und deren Namen und Identität nun wie eine Art „Wiedergeburt dieser ersten Baby-Sevda“ (S. 83) trägt. Als Zwölfjährige wurde sie vom Vater als einziges Familienmitglied in der Türkei zurückgelassen, um den Großeltern zur Seite zu stehen. Eine Schule durfte sie nicht besuchen; Lesen und Schreiben hat sie sich notdürftig selbst beigebracht. Erst zwei Jahre nach der Übersiedlung ihrer Familie nach Deutschland durfte sie nachkommen, um kurze Zeit später einen Mann zu heiraten, den die Eltern für sie ausgesucht hatten. Nach einer unglücklich verlaufenen Ehe ist es Sevda mit Zähigkeit und Ehrgeiz gelungen, sich mit einem Restaurant eine eigene Existenz aufzubauen. Das kräftezehrende Leben als alleinerziehende Geschäftsfrau lässt sie oft streng und ungeduldig mit ihren Kindern umgehen; dessen ist Sevda sich bewusst. Sevda und ihre Kinder kommen nicht rechtzeitig zur Beerdigung des Vaters, da sie aufgrund eines vergessenen Gepäckstücks ihren Flug versäumen.

Das vierte Kapitel zeigt die Perspektive Perihans, genannt Peri. Sie ist das dritte Kind der Familie, Anfang 20 und studiert in Frankfurt Germanistik. Peri setzt in ihrem inneren Monolog ihr persönliches Erleben in Beziehung zu ihrem im Studium erworbenen Wissen - insbesondere über Geschlechterrollen - und reflektiert dabei zugleich ihren eigenen Reifungsprozess. Über eine Frage Ümits im Gespräch der Geschwister wird der Begriff „Dschinn“ mit seiner zugleich unscharfen wie vielfältigen Bedeutung eingeführt. Beim Nachdenken über die Mitglieder ihrer Familie verwendet Peri „Dschinn“ im Sinne eines persönlichen Dämons, der das Handeln der jeweiligen Person bestimmt: Im Falle ihrer älteren Schwester Sevda ist es Ehrgeiz, im Falle ihres Bruders Hakan Selbstdarstellung, die sie als die „Dschinns“ ausmacht, von denen die beiden besessen sind. In Peris Nachdenken über ihre Mutter Emine wird ihr unabgeschlossenes Ringen um (weibliche) Identität besonders deutlich. Außerdem lässt der Tod des Vaters Peris Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis wiederaufleben: den Suizid ihres ersten Freundes Armin, für den sie sich mitverantwortlich fühlt. Der letzte Abschnitt des teils mit sich selbst, teils mit Ümit geführten Gesprächs gilt Ciwan, einem jungen Kurden, dem Peri in Frankfurt begegnet ist und der in seiner zugleich offenen und distanzierten Art eine starke Anziehungskraft auf sie ausgeübt hat. Die rätselhafte Identität Ciwans wird später aufgeklärt: Es handelt sich um das angeblich verstorbene erste Kind der Eltern Hüseyin und Emine, das nach einer unglücklichen Kindheit und Jugend als Transmann Ciwan in Deutschland lebt.

Das fünfte Kapitel, wie die vorangegangenen personal erzählt, handelt von Hakan, dem zweiten Kind und ältesten Sohn der Familie; es zeigt, nachdem die Figur in der Außensicht von Ümit und Peri bereits eingeführt ist, nun Hakans Innensicht. Seine Erinnerungen gelten zum einen den autoritären Strukturen, denen er sich zu Hause sowie in Schule und Ausbildung ausgesetzt sah, zum anderen seinem Hineinwachsen in die Hip-Hop-Szene der 90er Jahre. Die Tatsache, dass Hakan die Erwartungen des Vaters in Bezug auf Ausbildung und Familie nicht erfüllen konnte, hat das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nachhaltig belastet. Hakan hat sich eine prekäre Existenz als Gebrauchtwagenhändler aufgebaut und lebt, ohne das Wissen seiner Eltern, mit seiner deutschen Freundin Lena zusammen, deren bürgerlich-liberale Eltern die Beziehung tolerieren. Nachdem er wie seine Schwester Sevda seinen Flug nach Istanbul verpasst hat, macht Hakan sich im Auto auf den Weg nach Istanbul, kommt aber wie seine Schwester Sevda nicht mehr rechtzeitig zur Beerdigung des Vaters.

Das letzte Kapitel, das die Perspektive der Mutter, Emine, behandelt, ist parallel zum ersten in Du-Form erzählt. Nur Emine und Sevda sind noch in der Wohnung; die anderen Familienmitglieder sind mit Hakan nach Antalya aufgebrochen. In einem Wechsel aus innerem Zwiegespräch und einer Unterhaltung mit ihrer ältesten Tochter Sevda geht auch Emine ihren Erinnerungen nach. Sie erinnert sie sich an den Schock, den sie erlitten hat, als sie erstmals von den Verbrechen der Nationalsozialisten hörte und daran, wie sie aus Hüseyin herausbekam, warum er sich nicht zu seiner kurdischen Herkunft bekennen wollte: Er hatte als Soldat der türkischen Armee gegen die eigenen Landsleute kämpfen müssen. Im Gespräch mit Sevda enthüllt Emine die für sie traumatische Wahrheit über die angeblich verstorbene erstgeborene Tochter.

Zu einer Versöhnung zwischen Emine und Sevda kommt es nicht, zu tief sind die gegenseitigen Verletzungen. Am Ende der Nacht erschüttert ein Erdbeben die Stadt und Emine wird verschüttet. Ob Sevda sich befreien kann, bleibt offen. Emines letzte Gedanken gelten einem Silvesteressen, das Jahre zuvor in jeder Hinsicht missglückt ist. In einer Art Vision sieht sie den Abend vor ihrem inneren Auge in einer gelungenen Version ablaufen, in der sie allen Familienmitgliedern geben kann, was ihnen nottut.

Textausgabe:

Fatma Aydemir: Dschinns. München 2022 (Hanser)

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