Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Susan Kreller, geboren 1977 in Plauen, hat Anglistik und Germanistik studiert und wurde mit einer Arbeit zu Übersetzungen englischer Kinderlyrik ins Deutsche promoviert. Für ihren Roman „Schneeriese“ erhielt sie 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis.
Die Autorin, die auch Bücher für Erwachsene schreibt, sagt über sich selbst, sie glaube, dass es für sie „nur eine Literatur“ gebe; sie denke von den Figuren aus und frage sich beim Schreiben nicht mehr, für wen sie schreibe. Ihre jugendlichen Protagonisten sind eigenwillige und oft auch etwas eigenbrötlerische Charaktere, sei es Adrian in „Schneeriese“, sei es Josefin, die Ich-Erzählerin in „Hannas Regen“ (2022). Wenn auch nicht ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen, stehen diese Jugendlichen eher am Rand und zeichnen sich durch ihre Beobachtungsgabe und einen ironisch-distanzierten Blick auf die Welt aus.
Krellers Roman „Schneeriese“ ist personal aus der Perspektive Adrians erzählt. Dadurch wird den Leserinnen und Lesern einerseits Adrians eingeschränkte Perspektive und andererseits die Tatsache, dass er sich selbst wie eine „dritte Person“ beobachtet, sinnfällig vermittelt: „Adrian wusste, dass alles anders war, alles, zum wer weiß wievielten Mal in letzter Zeit […] Und er wusste bei jedem einzelnen Wort, was er damit anrichtete, er hatte Angst davor und wünschte sich gleichzeitig nichts sehnlicher, als die Misses unwiderruflich zu beschädigen“ (S. 105). Der Verzicht auf Anführungszeichen zur Kennzeichnung der wörtlichen Rede verstärkt die Wirkung der internen Fokalisierung: Was andere sagen, findet nicht außerhalb der Figur statt, sondern hallt in ihrem Inneren wider, begleitet von Sinneseindrücken und Gedanken: „Das Spiegelbild von Adrians Mutter sprach weiter, […] jetzt sagte es: Nervt dich das nicht? […] Geht dir das nicht auf die Nerven? Dieser Idiot von Dato nervt mich, dachte Adrian. Und wenn du’s genau wissen willst, du nervst mich auch, die ganze Welt nervt mich […]“ (S.58).
Der Erzählsituation entsprechend sind die anderen Figuren des Romans nur aus Adrians Perspektive erschließbar. Plastisch werden sie dort, wo Adrian sich ihnen zuwendet. Für die Figur Stella bedeutet dies, dass Lesende sich ein Bild von der Person machen können, die Adrian verloren hat. Ausgehend vom Ende des Romans, in dem Stella selbst an die enge Verbindung der beiden erinnert, erscheint dieses Bild stimmig. Dass es jedoch bereits blinde Flecken gab, zeigt sich z.B. darin, dass Adrian Stella nichts von seinen veränderten Gefühlen erzählt hat und zudem verkennt, dass eine solche Veränderung bei Stella nicht zu erwarten ist. Die Entwicklung Stellas und ihrer Beziehung zu Dato lässt sich nur indirekt erschließen, da Adrian so gut wie nicht mehr mit Stella spricht, sondern sich in seinen Reflexionen und Projektionen verliert und so eine fiktive Stella erschafft. Adrians Eltern bleiben vergleichsweise blasse Figuren; seinem Alter entsprechend interessiert Adrian sich kaum für das, was unter der ihm vertrauten Oberfläche verborgen sein könnte. Vielmehr scheint er sich seiner Einschätzung der nervös-besorgten Mutter als auch des bärenhaft-gemütlichen Vaters sehr sicher zu sein. Die profilierteste Figur ist Stellas Großmutter Helene, auf eigenen Wunsch „Misses Elderly“ genannt, zu der Adrian seit Kindertagen eine enge Beziehung hat und die sich angesichts seiner Not intensiv um ihn bemüht. Sie sticht durch ihre auffallend rot gefärbten Haare und ihr unangepasstes Verhalten hervor und weist eine wichtige Parallele zu Adrian auf: die Erfahrung von Verrat und Verlust in der Beziehung zu einem geliebten Menschen. Ihr Angebot, die Erfahrungen zu teilen und sie dadurch gemeinsam zu verarbeiten, weist Adrian jedoch rigoros zurück. Dato und seine Familie bleiben, Adrians Verhältnis zu ihnen entsprechend, Randfiguren; lediglich Datos Mutter Tamar wird als entschlossene und tatkräftige Person greifbar, die die prekäre familiäre Situation im Blick hat und sehr heftig reagiert, als Adrian mittels einer Provokation versucht, hinter das Geheimnis der Familie zu kommen.
Neben der Kälte, die bereits im Titel „Schneeriese“ thematisiert wird, ist der Spiegel ein wichtiges Motiv des Romans, ebenso wie in Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“, das dem Roman als Folie dient: Wie Kay und Gerda im Märchen wachsen Adrian und Stella in benachbarten Häusern auf, die durch besondere Strukturen – hier rankende, zusammenwachsende Rosenstöcke, dort eine gemeinsame Terrasse mit geteilter (Hollywood-)Schaukel – miteinander „siamesisch“ (S. 44) verbunden sind. Hier wie dort ist die Großmutter des Mädchens eine enge Bezugsperson beider Kinder. Es ist Stellas Großmutter, die den beiden Kindern immer wieder Andersens Märchen vorliest (S. 13) und sie zu Vergleichen mit der eigenen Situation ermuntert. Das wichtigste Element des Märchens für den Roman ist der „Eissplitter“, der nach Adrians Ansicht Stellas Auge getroffen hat (S. 34), den er im eigenen Auge jedoch nicht wahrnimmt. Bei Andersen sind diese Splitter Scherben eines Zerrspiegels, den der Teufel erschaffen hat: Positives lässt er unbedeutend erscheinen, Negatives stellt er übergroß dar. Menschen, die beim Zerspringen des Spiegels einen Splitter ins Herz oder ins Auge bekommen haben, werden zu Sklaven ihres überkritischen Geistes und sind zur Liebe nicht mehr fähig. Während dieses Motiv sich bei Andersen als Rationalismuskritik deuten lässt, nutzt Kreller es psychologisch: Adrian wird zum Gefangenen seiner Selbstbespiegelungen; er bemerkt nicht, dass es immer er selbst ist, den er im Spiegel seiner Reflexionen zu erkennen meint und gerät dadurch immer tiefer in die Isolation.
Außer Andersens „Schneekönigin“ dient der Song „A Lions’s Heart“ des schwedischen Singer-Songwriters Kristian Matsson dem Roman als Leitmotiv. Adrian hat die CD des Musikers, der sich wegen seiner geringen Körpergroße ironisch „The Tallest Man on Earth“ nennt, von Stella geschenkt bekommen. Eine Strophe des Songs, die die Parallelität zu Adrians Geschichte hervorhebt, ist dem Roman als Motto vorangestellt. In der eisigen Winternacht, die Adrian beinahe das Leben kostet, ist es nicht zuletzt auch dieser melancholische Song, der bewirkt, dass er nicht mehr von der Hollywood-Schaukel aufstehen will, die das Sinnbild seiner verlorenen Kindheit ist.
Adrians Persönlichkeit spiegelt sich nicht nur in der erzählerischen, sondern auch in der sprachlichen Gestaltung des Romans wider: Neologismen wie „Elektrofreunde“ (S. 30) für Stellas digitale Kontakte, „Mundwinkelmomente“ (S. 52) für die kurze Veränderung im Gesicht einer Person, die Einblick gibt in deren Inneres, oder der „Hormonblick“ (S. 82), den seine Mutter aufsetzt, wenn sie mit ihm über die Therapie spricht, weisen auf Adrians Kreativität hin und kennzeichnen ihn als genauen und zugleich ironischen Beobachter. Die sprachlichen Bilder, die er findet, um seine Gefühle zu beschreiben, zeigen, dass deren Sitz sein ganzer Körper ist, etwa wenn er „einen Schreck im Bauch [bekommt], genau dort, im Bauch, und nicht in der Kehle, wo der Schreck für gewöhnlich zu Hause war“ (S. 67) oder wenn „mit einem Schlag da diese Müdigkeit [war], dieses Nichtmehrwollen, dieses flüssige Herz, das allmählich aus ihm heraustropfte“ (S. 104). Antithesen drücken seine emotionale Instabilität aus: Er hat einen „Gedanken, der ihn […] froh und abgrundtief mutlos“ macht (S. 43) und fühlt „die entsetzliche und gute Kälte“ (S. 111). Im Bereich der Syntax fallen immer wieder Ellipsen auf - „Jahre und Jahre. Die Terrasse. Die Schaukel“ (S. 45) - sowie Anaphern und Parallelismen, die dem Stakkato von Adrians Gedanken entsprechen: „Dafür hatte Adrian gesorgt. Dafür hatte Stella gesorgt“ (S. 45).
Adrians Ironiefähigkeit, die sich in seinen Wortschöpfungen und seinen Selbstbeschreibungen zeigt – etwa wenn er sich selbst in seinem zu klein gewordenen Bugs-Bunny-Schlafanzug betrachtet (vgl. S. 11) – setzen der Verzweiflung des Teenagers eine Komik entgegen, die zwischen kindlichem Slapstick-Humor und erwachsener Abgeklärtheit schwankt. Besonders deutlich wird das in der Szene, als er im „Dreitotenhaus“ endlich dem dunklen Geheimnis auf die Spur kommt, das Stella und er zu Beginn der Handlung zu lösen gedachten: „Und in genau diesem Bett lag das Zweitentsetzlichste, was Adrian je gesehen hatte: eine handfeste Leiche mit fahlem Gesicht […]. Und kurz darauf sah Adrian das Allerentsetzlichste […]. Die Leiche. Sie öffnete die Augen“ (S. 163). Die „Leiche“ erweist sich später als der bettlägerige Großvater Datos, der Adrian zum Sprechen auffordert und ihm damit letztlich zur Lösung der inneren Erstarrung verhilft.
Textausgabe:
Susan Kreller: Schneeriese. Taschenbuch. Carlsen 2016.
Kreller: „Schneeriese“: Herunterladen [docx][228 KB]
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