Vorschläge für die Umsetzung
Zum Lektüreprozess: Aufgrund der durchbrochenen Chronologie der Handlung bietet sich eher ein der eigentlichen Beschäftigung mit der Lektüre vorgelagerter selbständiger Lektüreprozess an, sodass der Unterricht stärker aspektorientiert gestaltet werden kann.
Allerdings ist eine ausführliche Einstimmung auf die bzw. Vorentlastung der problematischeren Aspekte des Themas (Heimatverlust/ existentielle Ängste/Lebensbedrohung/Gewalt in der Familie) zu empfehlen, da durch die Tagebuchform sowie das hohe Identifikationspotential mit der jugendlichen homodiegetischen Erzählstimme eine emotionale und unmittelbare Reaktion bei einigen Schülerinnen und Schülern zu erwarten ist.
Zur Erarbeitung zentraler Aspekte: Im Zentrum der Erarbeitung steht die Entwicklung von Madinas Resilienz, die durchaus wechselhaft verläuft. Die vielen verschiedenen Aspekte, die zu Madinas Resilienzerwerb beitragen (vgl. 4.1), sollten ergänzt werden durch Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, um so zu verdeutlichen, dass zur positiven Persönlichkeitsentwicklung viele unterschiedliche Aspekte sowie eben auch deren individuelle Kombination und. Gewichtungen gehört. Dabei spielt u.a. die Auseinandersetzung mit kursivgeschriebenen Traumsequenzen, die für unerfahrene Leser durchaus eine literarische Herausforderung darstellen, eine wichtige Rolle. Diese Traumsequenzen machen Madinas Verarbeitungsprozess der schwierigen Erlebnisse in Gegenwart und Vergangenheit als eine Art innere Traumreise mit kathartischer Funktion nachvollziehbar und eröffnen zahlreiche Möglichkeiten für das literarische Lernen.
Zur Charakterisierung weiterer Personen (Madinas Freundin Laura, ihre Tante Amina) bieten sich produktive Verfahren an, etwa Tagebucheinträge diese Figuren; zugleich könnten so Unterschiede in den Perspektiven schreibend nachvollzogen werden. Allerdings wäre es kaum authentisch, wenn bestimmte Figuren (Rami, Markus) Tagebuch führen würden. Um trotzdem das unter 4.1 genannte Ziel (der Bewusstmachung unterschiedlichen Männer- und Frauenperspektiven) zu erreichen, könnte auf das Gestalten innerer Monologe ausgewichen werden. Gerade wenn dasselbe Ereignis (z.B. der Gewaltausbruch des Vaters vor der Schule) aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird, ergeben sich oftmals neue Bewertungen, da jede Figur eine mehr oder weniger aus ihrer Perspektive heraus berechtigte Sichtweise hat.
Entsprechend kann die gezielte sprachliche Gestaltung innerer Reflexionsprozesse (z.B. durch Tempuswechsel, metaphorische Sprache, Rückgriffe auf Symbole und griechische Mythen sowie Dialoge und Neologismen als Bedeutungsträger) an geeigneten Textstellen analysiert und dann selbst imitierend gestaltet werden – so wie es Madina in ihrem Tagebuch sozusagen vormacht.
Spannend wäre auch – dem Titel des Romans folgend – die kontrastive Herausarbeitung der gegensätzlichen Welten, Rollenvorgaben, Werte und Ansprüche, mit denen Madina konfrontiert ist und der Vergleich mit den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Vorstellbar wären dazu Rollenspiele, in denen Konflikte aus dem Roman (z.B. die unerlaubte Übernachtung oder weitere „Männergespräche“ zwischen Markus und Rami) mit alternativen Verhaltensweisen der Protagonisten durchgespielt und dadurch entsprechend mögliche Kompromisse aufgezeigt werden.
Textausgabe:
Taschenbuch: Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich, Carl Hanser Verlag München 2016.
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