Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Otfried Preußler (1923-2013) und Autoren wie James Krüss (1926-1997) oder Michael Ende (1929-1995) prägten und formten die Kinder- und Jugendliteratur in der BRD seit den späten 1950er Jahren. Diese Generation eint, dass ihr biographischer Hintergrund Eingang in ihr Werk gefunden hat (Weinmann 2013).
Für den Autor Preußler und sein Werk führte diese Verzahnung von Biographie und literarischem Schaffen in den letzten Jahren zu einer großen Debatte. 2023 entbrannte die Frage nach der Verwurzelung im Nationalsozialismus (erneut) auf. Seine Bewunderung und sein Engagement für den Nationalsozialismus in jungen Jahren verschwieg der Autor zu Lebzeiten selbst nicht, jedoch unterließ er jede öffentliche Konkretisierung oder gar Buße. Deswegen und aufgrund von schwierigen archivarischen Verhältnissen ist ein abschließendes Urteil aktuell nicht möglich.
Aber es kann als gesichert gelten, dass der Roman „Krabat“ eine Reaktion Preußlers auf die Zeit des Nationalsozialismus ist, ohne dort stehenzubleiben. Dieses Werk kann somit als die literarische Antwort eines Individuums auf die Verstrickungen des Nationalsozialismus gelesen werden: „Krabat“ ist die Geschichte über die Entwicklung eines Kindes hin zu einem selbstverantwortlichen und altruistisch handelnden jungen Mann, der sich gegen die Macht über Menschen und für das Miteinander mit den Menschen entscheidet.
Preußler selbst hat seine Parabel über die Verführung der Macht selbst in den historischen Kontext des Nationalsozialismus eingeordnet und gleichzeitig die überzeitliche Beispielhaftigkeit der Geschichte für alle nachfolgenden Generationen hervorgehoben. 1981 sagt Preußler, „Krabat“ sei „meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken“ (Preußler 1998, 177). Doch ist es nicht nur die Auseinandersetzung mit Macht und Manipulation, die unter anderem mit Preußlers Lebensgeschichte erklärt werden kann. Auch die Kriegserfahrungen spielen eine Rolle. Die Todeserfahrungen auf dem Schlachtfeld und der Umgang mit dem Tod sind ein Thema in „Krabat“, das durchaus als Trauma oder Traumabewältigung gesehen werden kann.
Der wissenschaftliche Diskurs um Preußler hat sich in den letzten Jahren verändert. Mit einer neuen Generation von Forschenden kamen neue Fragen und Fragestellungen auf, zum Beispiel aus dem Gebiet der Kulturwissenschaft, der Linguistik und der Oralitätsforschung.
Denn in erster Linie ist Preußler ein Geschichtenerzähler, so sah er sich zumindest selbst. Seine Erzählweise zeigt genau dies: In ihr klingen die Erlebnisse und Erinnerungen der Großmutter als Geschichtenerzählerin, seine Begegnungen in Kinderjahren mit dem sorbischen Sagenkreis mit. Für ihn bedeutete Kindsein den Glauben an das Wunderhafte, die Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und Unbeschwerheit (Ewers 1995). „Krabat“ ist eine phantastische Geschichte, voller Träume und magischer Elemente, für die auch die Pumphutt-Episoden beispielhaft sind.
Textausgabe:
Otfried Preußler: Krabat. Stuttgart 2021.
Pressler: „Dunkles Gold“: Herunterladen [docx][84 KB]
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