Literaturwissenschaftliche Einordnung & Deutungsperspektiven
Literaturwissenschaftlich ist „Marsmädchen“ ein Exempel für die rasante Veränderung der Jugendliteratur in den letzten Jahren. Der Roman vereint Merkmale unterschiedlichster Entwicklungen und durchbricht die dort vorhandenen Konventionen doch auf eine ganz eigene Art.
Zunächst ist „Marsmädchen“ ein Mädchenroman. Im Zentrum steht die weibliche Perspektive auf das Erwachsenwerden. Doch griffe diese Einordnung allein viel zu kurz.
Zuallererst ist „Marsmädchen“ ein Adoleszenzroman. Ein junges Mädchen erlebt erste eigene Schritte im Spannungsfeld der eigenen Wünsche und Erwartungen und derer, die von außen an sie herangetragen werden. Schule, Familie, Freunde, sie alle sind Bedingung und Begrenzung ihrer Entwicklung. Mit Laura kommt ein neuer Erfahrungsraum hinzu, die Liebe. Die Erlebnisse mit dem „Marsmädchen“ ermöglichen Miriam eine neue Sicht auf das Leben. Für junge Leserinnen und Leser zeigt sich Literatur hier als Identifikationsfeld und Proberaum des eigenen Erwachsenwerdens.
Darüber hinaus lässt sich Tamara Bachs Debüt auch in die Linie der All-Age-Texte und derer der Popliteratur einordnen. Doch Bachs Zugang zur Welt der Jugend ist ein ganz eigener:
Die Protagonistin ist nicht labil, zerbricht nicht (damit schafft Bach eine Neuausrichtung der Mädchenliteratur im 21. Jahrhundert). Thematisch widmet sich der Roman zentralen Fragestellungen des Heranwachsens: Abgrenzung, Freiheitswunsch (Entkommen aus kleinstädtischen Strukturen), Freundschaft und erste Liebe sowie Verlust und Neuorientierung bzw. Weitergehen. Dabei sind Bachs Figuren erfrischend normal, nicht problemzerfressen. So problematisiert „Marsmädchen“ nicht die gleichgeschlechtliche Liebe, sondern die Liebe im Allgemeinen. Vielleicht ist diese Integration oder Normalisierung eine der stärksten Leistungen Bachs. Harte Drogen und vulgäre Sprache blendet Bach (im Gegensatz zur Popliteratur) aus und schafft auch hier eine spürbare Normalität und die Möglichkeit einer Identifikation über das Alter der Jugend hinaus.
Die Erzählstruktur lehnt sich an die inhaltliche Entwicklung an. Die Geschichte Miriams wird in drei Teilen erzählt: „Is there anybody out there“ ist der erste Teil, er umfasst 15 Kapitel und erzählt von der Ausgangslage und dem Kennenlernen der beiden Hauptfiguren. „It’s life, but not as we know it“ umfasst 17 Kapitel und stellt die (scheiternde) Liebesbeziehung ins Zentrum. „The big bang“ umfasst lediglich zwei Kapitel und zeigt das Zurückbleiben Miriams und die Situation nach den Erlebnissen mit Laura.
Bachs Erzählen ist ein sensibles. Witzig, positiv lakonisch erzählt Miriam selbst ihre Geschichte und gibt so Einblick in ihre Gedankenwelt. Durch diese Innensicht (erzähltechnisch umgesetzt als Bewusstseinsstrom/innerer Monolog) wird dem Leser eine erweiterte Sicht auf die nach außen hin eher als scheiternd (Streit oder Schweigen) dargestellte Kommunikation möglich.
Doch manchmal fehlen Miriam auch die Worte. An diesen Stellen rückt Musik als Möglichkeit der Interaktion in den Vordergrund. Immer wieder werden direkt und indirekt Verweise auf Musik gesetzt. Schon im Vorwort wird aus dem Song „Violently Happy“ von Björk zitiert. Der Titel selbst rekurriert auf den Song „Girl from Mars“ der Band Ash. Leitmotivisch sind die Überschriften der drei Teile gesetzt, die das Erzählgeschehen gliedern. Sie sind allesamt Musikstücken entnommen.
Musik drückt Subjektivität und Entwicklung aus, gleichzeitig deutet sie Möglichkeiten dieser auch an. So ist für Miriam die Botschaft des titelgebenden Songs, der am Schluss einer Disconacht gespielt wird, unklar. Der aufmerksame Lesende bemerkt indes spätestens bei der erneuten Lektüre, dass am Ende dieser Beziehung keine gelingende Liebe stehen kann, denn dies ist Inhalt des Songs.
Somit wird Musik zum tragenden Element des Erzählens. Ein Song macht deutlich, was nicht gesagt werden kann, dient als Verständigungsmittel. Aus Intertextualität wird somit Intersubjektivität und Musik zum Teil der Narratologie.
Bleibt man bei der Sprache Bachs, fällt auf, dass sich auch dort poetisch-musikalische Elemente finden. Bach selbst betont immer wieder die Wichtigkeit von Klang und Musik in ihrem Schreiben und in ihren Geschichten. Sie selbst sagt, ihre Sprache müsse sich beim lauten Lesen bewähren.
Inhaltlich bietet der Roman für Jugendliche heute viele Ansatzpunkte. Neben der Peergroup und der Liebe wird auch das Elternhaus mitgedacht. Aber Miriams Eltern werden nur am Rande sichtbar. Der Vater bleibt eine eher vage Figur. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist positiv angelegt. Zwar gibt es alterstypische Konflikte und auch Abnabelungen. Die Konfliktsituationen zwischen Mutter und Tochter zeigen durchaus Provokation und Ungehorsam. Insgesamt wird indes deutlich, dass zwischen Mutter und Tochter eine liebevolle Beziehung besteht, die auch Vertrauen beinhaltet. Die Familie wird damit als ein positiver Baustein in der Entwicklung eines Individuums und dessen Sozialisation dargestellt. Auch hier unterscheidet sich der Roman von vielen anderen, problematisierenden, Werken der Jugendliteratur. Für die Autorin wichtig ist dabei, dass das Werk für sich selbst stehen soll, kein Sprachrohr der Autorin ist. Bach erhebt keinen pädagogischen Zeigefinger, gibt keine klaren Antworten. Sinn kann nur jeder einzelne Leser für sich aus dieser Geschichte ziehen.
Am Ende verweigert Bach zwar das Happy End. Doch es geht weiter, das Ende ist nicht düster und final, sondern wirkt wie die Möglichkeit des Weitergehens mit positiven Angeboten. Auch das setzt Bach gewollt mit ihren musikalischen Verweisen, mit ihrem Figurensetting, aber auch mit ihrer grundsätzlichen inhaltlichen Anlage des Romans.
Textausgabe:
Taschenbuchausgabe: Tamara Bach: Marsmädchen, Hamburg 2023.
Bach: „Marsmädchen“: Herunterladen [docx][133 KB]
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