Vorschläge für die Umsetzung
Das Schiff Esperanza ist als Hörspiel ein dramatischer Text, der sich sinnvoll zur Erstbegegnung mit dem Drama eignet, falls man diese Erstbegegnung für die achte Klasse plant. Die Erarbeitung typographischer Besonderheiten dramatischer Texte ist ebenso Unterrichtsziel wie das Grundvokabular der Dramatik.
Dabei bietet das Schiff Esperanza durchaus gute Möglichkeiten zu Untersuchungen mit dem traditionellen Instrumentarium. Die sprachliche Gestalt der einzelnen Sprechhandlungen hat im Hörspiel naturgemäß eine besonders gewichtige Rolle. Durch ihr Sprechen charakterisieren sich die handelnden Personen, ihre Sprechweise wird zum zentralen Gegenstand von Textuntersuchungen. Ob nun die Sprechweise einer Person in verschiedenen Situationen untersucht und verglichen wird, oder aber zwei Teilnehmer eines Gespräches in ihren sprachlichen Unterschieden beleuchtet werden, hängt letztlich vom Erkenntnisinteresse ab, neben konkreten Deutungen von Aspekten des Textes steht als Lernziel ebenso die Sicherheit in klassischen Techniken der Interpretation. Gerade das Schiff Esperanza bietet sich aber auch dazu an, einzelne Passagen zum Konkretisieren von Sprechweisen in mündlichem Vortrag herauszugreifen. Das Ausprobieren verschiedener sprachlicher Verhaltensweisen kann das Verständnis zum Beispiel einer Unterhaltung zwischen Kapitän Grove und seinem Sohn um bisher nicht beachtete Aspekte erweitern.
Eine weitere Möglichkeit zu fruchtbarer Arbeit am Text bietet die Beschäftigung mit dem das Hörspiel beherrschenden Dingsymbol, dem Schiff Esperanza selbst. Diese Beschäftigung beginnt sinnvoll noch vor der Lektüre des Werkes, indem, gemeinsam oder einzeln, ein Schiff entworfen wird, das nach Aussehen und in der Art seiner Fahrten zu Recht den Namen Esperanza tragen könnte. Während der Lektüre kann nun die Beschreibung des Schiffes durch die verschiedenen auf der Esperanza Reisenden als Kontrast zu den eigenen Erwartungen gelesen werden. Aber auch ihr Verhalten erscheint in neuem Licht. Wenn Kapitän Grove kurz vor dem Auslaufen auf die Idee kommt, das Schiff reinigen und neu streichen zu lassen und dabei „das unschuldigste Weiß, das es gibt“ zu verwenden, dann bietet allein diese Textstelle Anlass zu kontroverser Deutung. Für die Flüchtenden ist das alte Schiff tatsächlich eine materialisierte Hoffnung, der sie bis zuletzt vertrauen. Die Art auch ihrer Hoffnung findet sich durch ihren Ort an Bord klar charakterisiert. Schließlich gewinnt auch die Schlussszene, in der Megerlin gespannt auf den Sonnenaufgang wartet, eine bessere Verständlichkeit, indem seine Haltung, die der Hoffnung, ja durchaus dem Namen des Schiffes entspricht, aber über mindestens dieselbe Fragwürdigkeit verfügt wie die Benennung des heruntergekommenen Schiffes, das sich auf seiner möglicherweise letzten Fahrt befindet. Der Titel des Hörspiels erweist sich als thematischer Aufhänger für die klassisch deutende Untersuchung einzelner Textstellen, einzelner Gestalten aber auch des gesamten Werkes.
In der Besprechung der den Text inhaltlich beherrschenden Themen bieten sich zum Erkenntnisgewinn neben klassischen Interpretationsverfahren in besonderer Weise gestaltende Aufgaben an, dies sowohl schriftlich wie szenisch. Der Text verfügt über eine ganze Reihe von Leerstellen im Innern, die sich durch das Verfassen von inneren Monologen – Wie kommt Axel zu seiner Entscheidung, sich den Flüchtlingen anzuschließen? – schließen lassen, oder aber durch das Extrapolieren und Fortschreiben der Handlung über die Grenzen des Hörspiels hinaus – Was wird aus dem Kassierer Megerlin und seiner neu entdeckten Freiheit? Wie entwickelt sich das Leben Groves weiter? – gedanklich fortzudenken anbieten. Dabei wird zum einen zentralen Fragen auf fruchtbare Weise nachgegangen, zum anderen wird eine Interpretationstechnik eingeübt oder zumindest vorbereitet: die gestaltende Interpretation. Im Versuch einer Inszenierung solcher Fortsetzungen oder Konkretisierungen ist es auch möglich, Gesetzmäßigkeiten der Gattung und Besonderheiten der eigenen Rezeption auf die Spur zu kommen.
Entsprechend lassen sich szenische Verfahren nutzen, um Charakteren und Entscheidungen auf den Grund zu gehen. Standbild und Rolleninterview können hier erfolgreich sein.
Die Erstellung einer kompletten Inszenierung ist sehr reizvoll, aber in der Umsetzung auch sehr zeitintensiv. Auch lassen sich die meisten der mit einer solch langwierigen Arbeit erreichbaren Unterrichtsziele ebenso gut über die Realisierung einzelner Szenen umsetzen. Besonders geeignet allerdings ist die Erarbeitung einer Gesamtaufnahme für den Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft oder auch den Projektunterricht. Die zu erreichende technische Perfektion wird immer von den vorhandenen technischen Möglichkeiten abhängen, aber bereits mit den Möglichkeiten eines aktuellen Smartphones lassen sich aussagekräftige Ergebnisse erzielen. Qualtitativ hochwertiger geraten Produkte, die mit einem Programm wie Audacity nachbearbeitet werden. Besonders attraktiv ist es, die Verfilmung zumindest einzelner Szenen zu unternehmen, die technisch viel einfacher zu erreichen ist als in früheren Rezeptionszeiten. Die Umsetzung des Hörspiels ins Sichtbare stellt einen wesentlichen konkretisierend interpretatorischen Akt dar.
Textausgabe:
Fred von Hoerschelmann: Das Schiff Esperanza, Ditzingen 1986/2021 (mit Kommentarteil).
Hoerschelmann: „Das Schiff Esperanza“: Herunterladen [docx][147 KB]