Wie zeigt sich Konfessionalität?
Über Jahrhunderte lang war die deutsche Gesellschaft durch konfessionell geschlossene Milieus gekennzeichnet. Die Kontakte zur anderen Konfession waren im privaten Bereich oft eher gering, die Konfession der Minderheit war oft auch Außenseiter in der Gesellschaft. Konfessionen waren somit auch soziologische Größen.
Die religiöse Praxis vollzog sich lediglich im Binnenraum der eigenen Konfession, ökumenische Gebete, Gottesdienste etc. entwickelten sich nur zögerlich ab den 60er/70er Jahren. Für viele ältere Menschen sind Konfessionen in der Erinnerung immer noch mit ängstlicher, teilweise aggressiver Abgrenzung von „den anderen“ verbunden, mit Exklusionserfahrungen („das einzige evangelische Kind in der katholischen Schule“) und mit biographischen Dramen („Verbot der „Mischehe““). Trotz dieser negativen Auswüchse waren die Konfessionen die Räume, in denen der Glaube gelebt wurde, in denen – auch kirchenfernere – Menschen in punktuellen Riten (wie z.B. der Taufe der Kinder, Hochzeit, Beerdigung) religiöse Beheimatung erfuhren.
Der heutige Mensch steht – selbst wenn er noch einer Kirche angehört – der eigenen Konfession häufig distanziert gegenüber, die eigene Religiosität wird eher jenseits der spezifisch konfessionellen Formen gelebt. Dennoch vollzieht sich die religiöse Sozialisierung immer noch im Binnenraum der jeweiligen Konfession, katholische Kinder gehen zumeist zur Erstkommunion, evangelische zur Konfirmation. Auch wenn den jeweiligen Riten oft keine theologische Überzeugung entspricht, ist es doch die „Normalform“ des Religiösen, dass sie kennenlernen. Somit ist die jeweilige Konfession der Schülerinnen und Schüler – bei aller Distanz zu konkreten Ausdrucksformen – die „religiöse Muttersprache“, die in der Regel ebenso unbewusst übernommen wird wie das Schwäbische, Rheinische etc., das die Kinder zuhause hören.
Trotz einer solchen konfessionsgebundenen „Normalbiographie“ (Taufe, Erstkommunion, Firmung bzw. Taufe, Konfirmation) leben auch die Schülerinnen und Schüler aber in einer selbstverständlich konfessionell und religiös pluralen Gesellschaft, nehmen – bei Interesse – auch selbstverständlich an religiösen Angeboten unterschiedlicher Kirchen teil. In einem pluralen Umfeld entfallen oft auch konfessionelle Fremdheitsgefühle, da die Begegnungen mit der jeweils anderen Konfession ebenfalls zum Alltag gehören.
Auch die (vermeintlichen) typischen Konfessionsmarker spielen in der konkreten Lebenswelt junger Menschen kaum noch eine Rolle. Nur einzelne junge Katholikinnen und Katholiken beten überhaupt den Rosenkranz oder gehen regelmäßig zur Beichte. Evangelische Schülerinnen und Schüler lesen kaum die Losungen oder die Lutherbibel.
Die konfessionelle Prägung ist somit eher unbewusst, sowie es der rheinische Kabarettist Beykircher beschreibt, wenn er auf die Frage: „Welchen Glauben haben Sie?“ mit „normal“ antwortet und damit das „Rheinisch-Katholische“ meint. Die meisten getauften Schülerinnen und Schüler würden wahrscheinlich intuitiv genauso antworten: Die Konfession, der sie angehören, ist für sie „normal“ und sie nehmen wahrscheinlich auch die unterschwellige Prägung durch diese Konfession nur in Ansätzen wahr. Diese Konfession prägt nicht nur die eigene Biographie, sondern führt – auch bei nicht kirchenaffinen jungen Menschen – auch zu bestimmten stereotypen Vorstellungen religiöser Praxis und religiöser Amtsträgerinnen und Amtsträger.
Die Jugendlichen sind somit keineswegs konfessionsfrei, sind sich aber der Prägekraft des Konfessionellen im eigenen Leben nicht bewusst. In der Begegnung mit Kirchenräumen, in Festen und Bräuchen können sie zumeist das spezifische Konfessionelle nicht identifizieren oder gar theologisch deuten (Pemsel-Maier, 2018). Ihre Konfessionalität ist somit weniger eine reflektierte konfessionelle Identität, sondern eher eine unbewusste konfessionelle « Mentalität ».
Religionspädagogische Grundlagen (nicht barrierefrei): Herunterladen [docx][150 KB]