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M 6: Tom und der Rosenkranz

Ein ganz normaler Mittwoch … Wie immer radelt Tom nach der Mittagsschule heim. Er ist sich sicher: Seine Schwester ist mittwochs beim Sport, Mama bei der Arbeit und Papa sitzt im Keller vor seinem PC im Homeoffice. So freut er sich darauf, in aller Ruhe ein bisschen zu zocken, bis jemand ihn an die Hausaufgaben und an den morgigen Vokabeltest erinnern kann.

Doch heute ist alles anders: Mama ist zuhause und Papa sitzt auch nicht in seinem Büro, sondern beide suchen hektisch nach Kleidungsstücken für Oma, die in einer kleinen Wohnung im Nachbarhaus wohnt und jeden Mittag mit ihnen isst. Sie ist heute Morgen gestürzt und hat sich wohl ein Bein gebrochen, ein Krankenwagen hat sie schon ins Krankenhaus gebracht. Papa scheint sehr nervös zu sein und sich große Sorgen zu machen, als er wenig später aufbricht, um sie zu besuchen.

Zwei Stunden später ist Papa wieder da und sie essen gemeinsam zum Abendbrot:

Tom: Na, wie geht es Oma?

Papa: Es geht so… Man hat sie sofort operiert, aber sie ist schon wieder wach. Ich habe ihr ihre Sachen gebracht und ein wenig mit ihr geredet, aber sie ist doch sehr müde. Vielleicht kannst du sie ja morgen Nachmittag nach der Schule besuchen. Wir haben vergessen, ihren Rosenkranz einzupacken. Den kannst du vielleicht mitnehmen.

Tom: Einen Rosenkranz. Klar kann ich ein paar Rosen im Garten pflücken und daraus einen Kranz machen. Kein Problem!

Papa lacht: Du sollst keinen Kranz aus Rosen binden! Ein Rosenkranz ist eine Art Kette, den sie zum Beten verwendet! Warte mal, ich zeig ihn dir! Aber wie er genau gebetet wird, kann ich dir auch nicht erklären. Das habe ich ein einziges Mal gemacht – vor meiner Erstkommunion!

Papa holt eine ganz kleine Dose aus der Tasche und nimmt eine Kette mit Perlen heraus, die Tom noch nie gesehen hat und sagt: „Das ist der Rosenkranz. Du kannst ihn morgen mitnehmen – und Oma wird dir Genaueres erklären.“

Und so geht Tom am nächsten Tag direkt nach der Mittagsschule zu Oma ins Krankenhaus. Oma scheint es deutlich besser zu gehen als am Vortag und sie freut sich sehr über Toms Besuch. Sie quatschen ein wenig, Tom erzählt von der Schule und vom Fußball. Als er schon gehen möchte, fällt ihm plötzlich die kleine Dose mit der Kette mit den Perlen ein und er holt sie aus seiner Schultasche und legt sie auf den Nachttisch.

Oma: Mein Rosenkranz! Super! Danke, dass du ihn mitgebracht hast!

Tom: Gerne … aber was ist das eigentlich genau? Für mich sieht das aus wie Schmuck!

Oma: Das ist eine Art Gebetskette. Siehst du die unterschiedlichen Perlen? Wenn ich mit dieser Kette bete, habe ich jeweils eine dieser Perlen zwischen den Fingern. Wenn es eine große Perle ist, spreche ich ein „Vater unser“, bei den kleinen Perlen ein „Ave Maria“:

Tom: Ein was?

Oma: Ein „Ave Maria“. Das hast du vielleicht im Erstkommunionunterricht oder in der Schule gelernt: „Gegrüßet seist du Maria. Voll der Gnade …“

Tom: Ich erinnere mich dunkel. Aber es sind ja ganz viele kleine Perlen. Du sprichst doch nicht 50 dieser Gebete hintereinander?! Und warum betest du zu Maria? Und nicht direkt zu Jesus?

Oma: Doch. Ich spreche übrigens nicht nur das Gebet, sondern es gibt jeweils auch noch einen Zusatz, den ich nach dem Namen Jesus einfüge. Damit ist der Rosenkranz eigentlich kein Gebet zu Maria, sondern eher eine Art Nachdenken, eine Meditation über Jesus. Ein Rosenkranz dauert mehr als 20 Minuten – da kommt man schon zur Ruhe.

Tom: Trotzdem kommt mir das mehr als langweilig vor. Warum wolltest du deinen Rosenkranz denn jetzt unbedingt hier im Krankenhaus haben?

Oma lacht: Ich bin ja ein bisschen älter als du … Und als ich in deinem Alter war, war der Rosenkranz eine der wichtigsten Gebetsformen für Katholiken. Ich bin ja auch auf dem Land aufgewachsen und die katholischen Traditionen haben unser Leben damals ganz stark beeinflusst. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, oft auch noch in der Woche. Jeden Tag wurde in der Familie gebetet. Der Pfarrer und die anderen Priester waren ganz wichtige Persönlichkeiten im Ort – und sie erklärten uns auch, was richtig und falsch war. Das Kirchenjahr, die Feste haben unser Leben geprägt: Die Gottesdienste, die Bräuche, die Wallfahrten, die Prozessionen – das ganze Dorf war dabei.

Tom: Und was hat das jetzt mit dem Rosenkranz zu tun?

Oma: Der Rosenkranz wurde zu den verschiedensten Anlässen gebetet: Jeden Abend trafen sich Frauen in der Kirche, um ihn zu beten. Wenn jemand im Dorf gestorben war, trafen sich alle aus dem Dorf zu den „Totenrosenkränzen“ – insgesamt an 6 Abenden – 3 Tage vor und 3 Tage nach der Beerdigung. Dem Toten wurde sogar ein Rosenkranz in die Hand gelegt und er wurde damit begraben.

Tom: Und das ist immer noch so wichtig für dich?

Oma: Eigentlich schon. Ich habe mehrere Rosenkränze zuhause, eigentlich in fast jedem Raum einen. Immer wieder bete ich ihn – zum Beispiel nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Oder wenn ich Angst habe oder es mir schlecht geht. Ich kann dann ganz ruhig werden und spüre, dass Jesus bei mir ist.

Tom: Und deswegen wolltest du ihn auch hier im Krankenhaus haben?

Oma: Genau … Er gibt mir Kraft und zeigt mir, dass ich nicht allein bin.

Tom wird nachdenklich: Interessant … Und was ist für mich so wirklich wichtig???

Oma: Tja… vielleicht möchtest du darüber auch mal nachdenken, oder?

Quelle: (c) Interview mit einer 91-jährigen katholischen Christin aus dem ländlichen Bereich (privat), Interviewer: Angelika Scholz

Aufgaben

  1. Beschreibe den „Rosenkranz“ von Toms Oma!
  2. Arbeite aus dem Text heraus, welche Bedeutung der Rosenkranz für die Oma von Tom hat!
  3. Tom fragt sich am Ende des Gesprächs mit der Oma: „Und was ist für mich so wirklich wichtig???“ Was wäre deine Antwort?

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