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M 3.1 – M 3.3

M 3.1

Zwar hat es lange gedauert, doch gleichwohl setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass wir es bei großen und langlebigen Religionen nicht mit homogenen Blöcken zu tun haben. Auch wenn die Sprache der modernen Massenmedien – ebenso wie die Sprache der Polemik und Apologetik – immer wieder neu (und nahezu unvermeidlich) den Trend zur Vereinfachung befördert und der Wahrnehmung differenzierter und komplexer Zusammenhänge eher abhold ist, so wird man sich doch zunehmend bewusst, dass es so etwas wie das Christentum, den Islam, das Judentum, den Hinduismus oder den Buddhismus in Wirklichkeit nicht gibt. Das gilt, auch wenn wir immer noch häufig so reden, als ob es sie gäbe – sei es in der Zeitung, in kirchlichen Verlautbarungen oder in Schulbüchern. Was beispielsweise soll das Christentum sein? Ist es der Glaube, wie er sich in den Schriften des Neuen Testaments niederschlägt? Exegeten zeigen uns mit Leichtigkeit, wie vielfältig, ja oft heterogen bereits die neutestamentlichen Texte sind. Ganz zu schweigen von der sich daneben und darüber hinaus entwickelnden Tradition, die sich immer weiter verzweigt und dabei nicht nur viele, sondern viele verschiedene Einflüsse aus anderen religiösen Traditionen aufsaugt: aus ihrem jüdischen Wurzelgrund, aus iranischen und ägyptischen Vorstellungen, aus denen Griechenlands, Roms, Germaniens und so weiter. Welche der zahlreichen christlichen Kirchen sollte etwa das Christentum sein? Und sind diese nicht selbst wieder beständigem Wandel und weiterer Verzweigung unterworfen? Peter Antes hat des Öfteren scherzhaft, aber treffend formuliert: Natürlich gibt es immer noch die ganze Palette christlicher Kirchen. Aber heute gibt es sie innerhalb einer jeden von ihnen. Auch jedes Set von definierten Glaubenssätzen und Glaubensinhalten wurde und wird immer wieder neu und vielfach anders interpretiert. Ähnliches gilt für alle großen religiösen Traditionen. Jede von ihnen bezeugt eine enorme interne Vielgestaltigkeit, die es unmöglich macht, so zu tun, als handle es sich um uniforme, homogene Blöcke. Zudem kann kein einzelner Mensch in seinem Leben die Fülle einer religiösen Tradition oder auch nur die einer einzelnen Subtradition umsetzen. Ein Blick auf die drei letzten Päpste reicht völlig aus, um zu demonstrieren, dass selbst ein Papst in seinem persönlichen Denken und seiner individuellen Spiritualität nicht so etwas wie den Katholizismus verwirklicht, sondern eben nur bestimmte Aspekte daraus, die im Laufe seines Lebens für ihn bedeutsam geworden sind. Viele ältere Menschen können bezeugen, dass sich ihre eigene Religiosität im Laufe des Lebens wandelt. Und nicht selten verbinden einzelne Menschen in ihrer persönlichen Spiritualität durchaus unterschiedliche Formen von Religiosität, indem sie sich beispielsweise die letzte Wirklichkeit mal als ein personales Wesen vorstellen, das sich im Gebet ansprechen lässt, und mal als eine nicht-personale Macht, Dimension, geheimnisvolle Quelle, der man sich eher auf meditative Weise nähert als durch das Gebet.

Religiöse Vielfalt begegnet uns demnach, so wie die kulturelle Vielfalt, auf drei prinzipiellen Ebenen: der Makro-Ebene globaler interreligiöser Vielfalt, der Meso-Ebene intrareligiöser Vielfalt und der Mikro-Ebene intrasubjektiver Vielfalt.

(c) Schmidt-Leukel, Perry: Indras Netz ist eine fraktale Struktur. Die wechselseitigen Bezüge zwischen Christentum und Buddhismus, in: Herder Korrespondenz 2023, Heft 5, S. 40-42.

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Wenn man überhaupt den Versuch unternehmen will, eine Religion auf intellektuelle Formeln zu bringen, dann gehört zu den Grundelementen des Christentums wesentlich etwas, das ich moralischen Universalismus nenne. Das soll nicht bedeuten, dass letztlich alle Kulturen bestimmte Moralvorstellungen gemein hätten. Es bedeutet vielmehr, dass manche religiösen oder säkularen Ethiken fordern, bei der Überlegung, ob eine Handlung gerechtfertigt ist oder nicht, an alle Menschen zu denken, das heißt nicht bloß an Menschen, die einem nahestehen, sondern wirklich an alle. Das ist eine Einstellung, auf die die Menschen und ihre Kulturen nicht von Natur aus kommen, sondern die an identifizierbaren Punkten in der menschlichen Geschichte erst entstanden ist. Menschen, die einen Glauben teilen, der ein solches Ethos von ihnen fordert, müssen sich dann in Formen zusammenschließen, die nicht einfach mit ihren politischen Organisationsformen identisch sind, sondern über diese hinausreichen. Für Christen kann nicht die Loyalität zu einem bestimmten Staat, zum Beispiel in der römischen Antike zum Kaiser, ausschlaggebend sein. Sie sind ergriffen von einer universalistischen Botschaft, die sie mit allen Menschen teilen wollen. Das erfordert eine enorme moralische Leistung. Wenn Christen solche Menschen sein wollen, dann können sie die Frage „Brauche ich als einzelner Christ die Kirche?“ nicht beantworten, als ginge es nur um ein „Tut mir das gut?“. Sie müssen diese Frage unter dem Gesichtspunkt „Wie kann ich ein Leben führen, das diesem Maßstab genügt?“ beantworten. Dadurch wird nicht illegitim, dass Menschen vom Glauben Trost und Stärkung in schwierigen Lebenslagen erwarten. Aber Trost und Stärkung kann man zum Beispiel auch in einer partikularen Gemeinschaft erleben. Dazu braucht es tatsächlich keine Kirche. Aber um diese universalistische Botschaft zu leben, um sie an künftige Generationen weiterzugeben, um bei allen politischen Widerständen im Hier und Heute Strukturen zu schaffen, die dieser Botschaft einigermaßen entsprechen, oder um in einem bestimmten Zusammensein schon einen Vorschein einer solchen erhofften Ordnung zu erleben, braucht es Kirche.

(c) Die unwahrscheinliche Notwendigkeit. Interview mit Hans Joas, in: Christ in der Gegenwart 2023, Heft 20, S. 3-4.

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Geteilte Verwundbarkeit – Ökumene in der Pandemie

Kommunikation beeinflusst Gemeinschaft. Die Art und Weise, wie wir (oder wie wir nicht) miteinander kommunizieren, hat Auswirkungen auf die Existenz, Form und Qualität des Miteinanders. Diese fast simple Erkenntnis steht besonders dort im Mittelpunkt, wo Kommunikation sich verändert – sei es durch äußere Faktoren wie die Pandemie oder durch innere Beweggründe, die signalisieren, dass etwas im Wandel begriffen ist. Ein neues Dokument des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen mit dem Titel Ecumenism in a Time of Pandemic: From Crisis to Opportunity („Ökumene in Zeiten der Pandemie: von der Krise zur Chance“; veröffentlicht am 20. Januar 2022 in Englisch, Französisch und Spanisch) macht diesen Gedanken auf mehreren Ebenen zum Dreh- und Angelpunkt: Veränderte Formen von Kommunikation, zumal in Zeiten der Krise, stellen die Kirchen vielfach vor die Herausforderung einer sich wandelnden kirchlichen Communio. Denn Kommunikation beeinflusst Gemeinschaft – insbesondere dort, wo Gemeinschaft, ja mehr noch Einheit, Ausgangspunkt und Ziel jeder ökumenisch-theologischen Reflexion ist. Als positiv und geradezu ökumenischer Aufbruch hat sich in vielen Regionen ein neues Wir-Gefühl erwiesen. Die Erfahrungen des being one family, der gegenseitigen Unterstützung in ebenso pragmatischen wie geistlichen Angelegenheiten und das Bewusstsein von shared vulnerability habe die Kirchen näher zueinander gebracht und sie bisweilen sogar veranlasst, füreinander nach außen hin einzustehen. Diese Gegenseitigkeit ging mit einem wachsenden Interesse am Gegenüber einher, das die Ökumene als ihren vielleicht kleinsten, aber wichtigsten Baustein bezeichnet: das gegenseitige Kennenlernen und Erfahren, wie Ritus und Liturgie, wie Pastoral und Seelsorge, wie Gemeinschaft gelebt wird. Bereits hier zeigen sich große Herausforderungen für die Zukunft, weil sowohl das Kennenlernen von außen wie auch das kirchliche Leben selbst sich zu einem großen Teil in den digitalen Raum verlagert haben, der als solcher zwar exzessiv genutzt, aber noch wenig (theologisch) reflektiert ist. Verschiedenste Formen des gemeinsamen Betens, eine Neubetonung des Wortes und der Verkündigung, das Gewicht einer common voice of unity besonders vor zivilen Autoritäten und deren gelegentliche Insensibilität für Fragen der Religionsausübung sowie karitative Initiativen und Projekte fanden – mehr auf lokaler als auf universaler Ebene – ökumenisch orientierte Träger:innen und Ausführende. Mehr denn je wurde deutlich, dass die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen more than a building sei. Die Communio-Theologie werde in Zukunft die virtuelle community zu berücksichtigen haben, die den digitalen Raum von einer Informationsressource hin zu einem Begegnungsraum, die analoge Realität hin zu neuer digitaler Normalität gestaltet hat.

(c) Riedl, Andrea: Geteilte Verwundbarkeit – Ökumene in der Pandemie, in: feinschwarz.net

Unterrichtsmodul 2 (nicht barrierefrei): Herunterladen [docx][87 KB]

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